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Liste.png Text von Wilhelm Tappert: Richard-Wagner-Galerie

III.
ELISABETH.


„Allmächt’ge Jungfrau, hör’ mein Flehen!“


Im Venusberge weilte Tannhäuser, der kühne, ritterliche Sänger. Umstrickt von den Reizen der Liebesgöttin vergass er die Welt, Tage vergingen, Monde schwanden dahin, er hörte nicht der Glocken froh’ Geläut, nicht die Nachtigall, die den Lenz verkündet, nicht sah er des Himmels freundliche Gestirne, nicht der Erde frisch ergrünende Halme. Begeistert singt er das hohe Lied der Liebe zum Preise der Geliebten.


Doch es dürstet ihn nach Freiheit, nach neuen Thaten:


Zu Kampf und Streite will ich stehen,
Sei’s auch auf Tod und Untergehen: –
D’rum muss aus deinem Reich ich flieh’n –
O Königin, Göttin, lass’ mich zieh’n! –


Im Wartburgthale athmet der reuige Sänger neu auf im rosigen Licht, dort finden ihn Landgraf Hermann und seine Mannen, welche dem edlen Waidwerk huldigen. Von Allen wird der Wiederkehrende freudig willkommen geheissen, mit herzigem Gruss empfängt ihn Elisabeth, des Landgrafen Tochter. In der Halle auf der Wartburg streiten die Minnesinger um den Preis. Sie dichten und singen das ewige Lied von der Liebe, was die Gemüther bewegt, das tragen die Tonwellen hinaus; auch Tannhäuser verkündet der Liebe wahrstes Wiesen, die Andern wollen Entsagung, er kennt die Liebe nur als Genuss und endlich bricht die mühsam zurückgedrängte sinnliche Regung in dem jubelnden Hymnus hervor:


Dir, Göttin der Liebe, soll mein Lied ertönen!
Gesungen laut sei jetzt dein Preis von mir!
–       –       –       –       –       –       –      
Armsel’ge, die ihr Liebe nie genossen,
Zieht hin, zieht in den Berg der Venus ein!

Empfohlene Zitierweise:
Text von Wilhelm Tappert: Richard-Wagner-Galerie. Hanfstaengl’s Nachfolger, Berlin 1876, Seite 21. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Richard-Wagner-Galerie.pdf/30&oldid=- (Version vom 1.8.2018)