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Seite:Proehle Maerchen fuer die Jugend.pdf/224

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ganz blutig geschlagen habe und deshalb gefesselt in den Königshof geführt sei. Sogleich hieß er das Kind in den Kerker werfen und es jammerte diese That ihn gar sehr, machte sich daher auf und ließ sich zu der Frau weisen, sie zu trösten. Da gelangte er auch an den grünen Platz, wo er einst gebetet und wo die Stimme vom Himmel gerufen hatte: „Josef, wandere aus!“ und auf dem Platze sah er eine blutig geschlagene Frau liegen und beten. Es war aber seine Mutter, deren zweiter Mann auch wieder gestorben war, und sie betete still für sich, daß Gott ihr vergeben möge, was sie an ihrem ältesten Sohn gethan, denn sie meinte, daß Gott sie durch die Missethat des jüngsten Söhnchens, das sie in Allem auf den Händen getragen hatte, habe strafen wollen. „Seid Ihr die Frau, die von ihrem einzigen Söhnchen blutig geschlagen ist?“ rief er sie an, denn sie war so sehr mit Blut bedeckt, daß er seine Mutter nicht sogleich erkannte. „Ach nein, nein!“ rief sie da aus, „mein einziger Sohn war es nicht, der mich schlug – aber gegen den andern verlor ich die Liebe bei der Geburt dieses Söhnchens, das jetzt seine Mutter gemißhandelt hat, dafür strafte mich Gott.“ Da erkannte sie der junge König und fragte: „So denkt Ihr noch an Euren erstgeborenen Sohn?“ Da sagte die Frau: „Ich betete eben, daß Gott mir meine Sünde an ihm vergeben und ihn mir wieder schenken möchte.“ Da war der junge König hoch erfreut, fiel seiner Mutter um den Hals, küßte sie und gab sich ihr zu erkennen. Da ließ der junge König auch das Söhnchen aus dem Kerker holen, verwies ihm sein Unrecht, wandte das Geld, das ihm noch übrig war von den Geschenken, die er erhalten

Empfohlene Zitierweise:
Heinrich Pröhle: Märchen für die Jugend. Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses, Halle 1854, Seite 208. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Proehle_Maerchen_fuer_die_Jugend.pdf/224&oldid=- (Version vom 1.8.2018)