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49. Die kluge Hirtentochter.

Eines Ziegenhirten Tochter grub auf dem Felde und fand dabei einen goldenen Mörser. Ihr Vater wollte ihn, wie sich’s gehörte, an den König abliefern, allein die Tochter wollte ihn daran hindern und sprach: „Wenn der König den Mörser hat, wird er sagen, wo der goldene Mörser sei, müsse auch der goldene Stampfer sein.“ Dennoch ging der Ziegenhirt zum König und trug ihm den Mörser hin. Der aber sprach sogleich, wie das Mädchen voraus gesagt hatte, wo der Mörser wäre, müßte auch der Stampfer sein, und verlangte ihn drohend vom Ziegenhirten. Da rief dieser aus: „O, daß ich nicht meiner Tochter gefolgt bin, die mir das vorausgesagt hat!“ „Ist Deine Tochter so klug,“ sagte der König, „so sollst Du ohne Strafe wegen des Stößers davonkommen, wenn sie zu mir kommt nicht reitend, nicht fahrend und nicht gehend, nicht bekleidet und nicht nackt, nicht bei Tage und nicht bei Nacht.“

Als die Tochter des Ziegenhirten das hörte, hüllte sie sich in Borke, da war sie nicht nackend und nicht bekleidet; dann spannte sie einen Ziegenbock vor einen zweirädrigen Karren, trat mit einem Fuße auf den Wagen, mit dem andern auf den Schwanz des Ziegenbockes, da ist sie nicht gefahren, nicht geritten und nicht gegangen. So hielt sie am andern Morgen bei Anbruch des Tages, als der Bediente des Königs eben das Thor öffnete, vor dem Schlosse, und das war nicht bei Tage und nicht bei Nacht.

Da der König sie erblickte, freute er sich gar sehr über ihre Klugheit, ließ sie königlich kleiden und machte

Empfohlene Zitierweise:
Heinrich Pröhle: Märchen für die Jugend. Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses, Halle 1854, Seite 181. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Proehle_Maerchen_fuer_die_Jugend.pdf/197&oldid=- (Version vom 1.8.2018)