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verladen, der bald abfährt. Wohin? Vielleicht nach Freiburg oder Rastatt. In einigen Wochen werden auch sie im Felde stehen.

Auf dem Bahnsteig schreitet vor unserem Zuge ein älterer Hauptmann, fünfundvierzig bis fünfzig Jahre alt, auf und ab, ein Recke von Gestalt, vom obern Rand des linken Ohrs bis zum Kinn hinunter zieht sich eine Linie, die den alten Studenten kennzeichnet. In seinem strengen Gesicht spielt und zuckt etwas wie schlechte Laune. Mir ist’s, ich läse darin den inneren Grimm darüber, daß er über das Alter hinaus ist, das ihn in seinem Grade an die Front gerufen hätte, und daß er jetzt hinter der Linie im Etappendienst steht. Wohl mancher Offizier teilt seine Gefühle. Aber auch der Dienst hinter der Linie verlangt tüchtige Leute und hat seinen Anteil an Sieg oder Niederlage eines Heeres.

Der Zug nach Mülhausen steht endlich mit erheblicher Verspätung zur Abfahrt bereit. In unser Abteil tritt ein junger, blasser Einjährig-Freiwilliger der Infanterie, von überaus bescheidenem Auftreten. Er hat hellblaue Augen, wachsblondes Haar, ein feines schmales Gesicht, über den Lippen sproßt, kaum sichtbar, der erste zarte Flaum. Er trägt den linken Arm in der Binde. Ein Gewehrgeschoß hat den Arm im Gefecht bei Habsheim-Rixheim glatt durchgeschlagen, wie er auf Befragen schlicht erzählt. Im Vorüberfahren weist er uns die Stellungen der Franzosen, die noch durch niedergehauene Bäume und Schützengräben

Empfohlene Zitierweise:
Karl Müller: Kriegsbriefe eines neutralen Offiziers. Velhagen & Klasing, Bielefeld ; Leipzig 1915, Seite 7. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:M%C3%BCllerKriegsbriefe.pdf/11&oldid=- (Version vom 1.8.2018)