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Kriegsbilder aus der Grenzfestung
I

Das Bild deutschen Soldatenlebens, das sich in der Grenzfestung Metz, der größten und stärksten des Reiches, entfaltet, zeigt in diesen Kriegszeiten ein vorwiegend ernstes Gesicht, dem aber auch Züge anmutigen Frohsinns nicht fehlen. Wenn am Abend und besonders an den Sonntagen die Kasernen der Garnisonstadt sich entleeren, so ergießt sich durch die Straßen und in die großen Wirtschaftsräumlichkeiten ein lebendiger Strom kampffroher Männer, umgeben von Bürgern und Bürgerinnen, Frauen und Kindern, Freunden und Freundinnen. Das Gesellschaftsleben in Metz bietet dann ein ebenso friedliches wie demokratisches Bild. Da sieht man im gleichen Raume, am gleichen Tische Offiziere aller Gradstufen neben Unteroffizieren und Gemeinen beisammen sitzen. Der Krieg hat die Standesunterschiede nicht allein in Reih und Glied verwischt, wo der Reiche neben dem Armen, der Vornehme neben dem Geringen, der Adelige neben dem Arbeiter für die gleiche Sache steht und fällt, er hat auch im gesellschaftlichen Verkehr manche Schranke beseitigt, manches Vorurteil über Bord geworfen. Es ist fast nicht zu denken, daß diese Annäherung der Bevölkerungsklassen, die auch im politischen und Parteileben Deutschlands gleich mit dem Kriegsausbruch eine Wandlung geschaffen hat, die vor vier Monaten niemand für möglich gehalten hätte, nach dem Kriege ganz spurlos vergehen sollte.

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Karl Müller: Kriegsbriefe eines neutralen Offiziers. Velhagen & Klasing, Bielefeld ; Leipzig 1915, Seite 100. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:M%C3%BCllerKriegsbriefe.pdf/104&oldid=- (Version vom 1.8.2018)