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KULTUR
(1908)

Es mag für den deutschen nicht sehr angenehm sein, zu hören, er solle seine eigene kultur aufgeben und die englische annehmen. Aber das hört der bulgare auch nicht gern und der chinese noch weniger. Mit sentimentalitäten ist dieser frage nicht heizukommen. Der ruf nach einem nationaldeutschen stil mag in unklaren köpfen bei der kleidung noch einige verwirrung anrichten, auch bei betten und nachttöpfen. Aber bei kanonen herrschen die englischen formen.

Der deutsche mag sich überdies trösten. Es ist seine eigene kultur, der die engländer im neunzehnten jahrhundert die bahn brechen. Es ist die germanische kultur, die im inselreiche wie ein mammut in den tundren unversehrt in eis gehalten wurde und nun frisch und lebendig alle übrigen kulturen niederstampft. Im zwanzigsten Jahrhundert wird nur eine kultur den erdball beherrschen.

In alten zeiten hatten viele kulturen friedlich nebeneinander platz. Von jahrtausend zu jahrtausend, von jahrhundert zu jahrhundert verringerten sich die kulturen. Im fünfzehnten jahrhundert verloren die germanischen völker ihre kultur und wurden gezwungen, die romanische anzunehmen, die bis zum neunzehnten jahrhundert Europa beherrschte. Ich habe vor zehn jahren[H 1] diese bei den kulturen zu charakterisieren versucht. Die romanische: die kultur der katze, die germanische: die kultur des schweines.

Das schwein ist des germanen vornehmstes haustier. Es ist das reinlichste tier, wie der germane unter den

Anmerkungen (H)

  1. [456] siehe den aufsatz „die plumber“, s. 70 ff. dieses bandes.
Empfohlene Zitierweise:
Adolf Loos: Adolf Loos – Sämtliche Schriften. Herold, Wien, München 1962, Seite 263. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loos_S%C3%A4mtliche_Schriften.pdf/264&oldid=3345836 (Version vom 1.8.2018)