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Liste.png Illustrirte Zeitung, Nr. 6 vom 5. August 1843

Leipzig, den 5. August 1843.

Das Jubelfest der königlichen Landesschule St. Afra zu Meissen.

Dreihundert Jahre sind bereits verflossen, seitdem durch die sächsischen Herzöge Moritz und August die Landesschule zu Meißen gestiftet wurde. Zu gleicher Zeit mit ihr traten die Landesschulen zu Pforta bei Naumburg und die zu Grimma bestehende, zur Zeit ihrer Stiftung im Jahre 1543 für Merseburg bestimmt, in das Leben. Dankbare Erinnerung an die Segnungen der durch Luther bewirkten Reformation, verbunden mit dem Wunsche, durch Lehre und Unterricht die Wohlthaten derselben auch dem kommenden Geschlecht zu erhalten, waren die innersten Beweggründe zu ihrer Stiftung. Die äußere Veranlassung gaben die bei Einführung der Reformation eingezogenen geistlichen Güter und Ländereien, deren Ertrag man wiederum zu geistlichen Zwecken benutzen wollte. Die Stiftungsurkunde der Landesschule zu Meißen spricht sich darüber in folgenden unzweideutigen Worten aus: „Nachdem unsere, auch unsrer Unterthanen Vorfahren aus Andacht, die sie zu Gott gehabt, etliche Güter zusammen getragen, gestiftet

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St. Afra zu Meißen.

und geordnet, daß der Allmächtige durch die Ordenspersonen und andere, so dieselben zu gebrauchen gehabt, sollte gelobt und gepriesen werden, daraus aber merkliche Irrthümer und Mißbräuche erfolgt, wie denn männiglich wißlich und am Tage, uns aber als einem christlichen Regenten dasselbe in unsern Landen länger zu gestatten nicht gebühren wollen, so haben wir betrachtet, wie solche Güter Gott zu Lobe in andre christliche und milde Sachen könnten angewendet werden und deshalb den Ausschuß unsrer Lande Thüringen und Meißen zu uns erfordert und sammt ihnen erwogen, daß einem jeden Lande nicht so hoch von Nöthen, als daß die Jugend in Gottes Furcht ihm zu Lobe erzogen und in den Sprachen und guten Künsten unterwiesen werde, woraus denn erfolget, daß gelehrte Kirchen- und andre des gemeinen Nutzens Diener auferzogen und zu bekommen seien, ohne welche die christliche Gemeine nicht kann gelehrt noch regiert werden.“

Am 3. Juli 1543 wurde die Landesschule zu Meißen eröffnet. Laut der Stiftungsurkunde sollte sie 60 Zöglinge in Kost und Pflege nehmen, aber es mehrte sich bald die Zahl der Stellen bis auf hundert. Der erste Rector, Hermann Vulpius, blieb nur drei Jahre in seinem Amt; auf ihn folgte Georg Fabricius aus Chemnitz, unter welchem die Schule den Grund zu ihrem wissenschaftlichen Rufe legte. Fabricius galt für einen der gelehrtesten und geistvollsten Männer seiner Zeit, war gleichsehr erwärmt für christliche Tugend und Frömmigkeit, als für den hohen Werth der altclassischen Sprachen und im Verein dieser Eigenschaften am vollkommensten geeignet, den Absichten zu entsprechen, welche die sächsischen Fürsten bei Gründung der Anstalt hatten.

Bald nach ihrer Gründung hatte die Schule vielfache widrige Schicksale zu erfahren. Zur Zeit des schmalkaldischen Krieges ließ Churfürst Johann Friedrich, der am 5. April 1547 Meißen einnahm, 23 Schüler aus adligen Familien als Geißeln nach Wittenberg abführen, die erst im folgenden Jahre durch Churfürst Moritz wieder in Freiheit gesetzt wurden. Hierzu kamen Seuchen, in Folge deren 1552, 1576 und 1611 die Schüler entlassen wurden. Hatte aber die Schule schon während dieser Zeit außerordentlicher Unterstützungen bedurft, so wurden ihre Kräfte zur Zeit des dreißigjährigen Krieges so gänzlich erschöpft, daß die Schüler wiederholt aus einander gingen. Am härtesten wurde der Anstalt 1637 von den Schweden begegnet. Nach Herstellung des Friedens erfreute sich durch die Fürsorge Churfürst Johann Georg’s I. die Anstalt von Neuem eines glücklichen und ungestörten Fortgangs bis zum Jahr 1681, wo eine in Sachsen und besonders in Meißen wüthende Pest abermals zu einer Entlassung der Schüler nöthigte. Zu jener Zeit gab es Rathgeber, welche die Anstalt lieber in eine Stuterei verwandelt hätten, aber Churfürst Georg wies sie mit Unwillen zurück, und wollte die Schule als ein Bethaus, aus welchem viel Gutes auf das ganze Land komme, unangetastet wissen. Bis zum Jahre 1706, wo der damalige Rector Stübel nur durch fußfälliges Flehen von Karl XII. erlangte, daß die Schule nicht beunruhigt werden sollte, genoß die Schule eines gedeihlichen Fortgangs und unter der Regierung König August II. wurden 1716 ein ganz neues Schulhaus und 1727 neue Wirthschaftsgebäude von Grund aus erbaut, insbesondere aber auch ein den Bedürfnissen der Zeit mehr angemessener Lehrplan eingeführt. Auch König August III. sorgte für das Wohl der Anstalt, die unter seiner Regierung am 3. Juli 1743 das Andenken an ihre Stiftung nach zweihundertjährigem Bestehen durch ein dreitägiges Jubelfest feierte. Unter die damaligen Jubelafraner gehörte auch Lessing, der am 21. Juni 1741 aufgenommen, am 30. Juni 1746 nach öffentlich gehaltener Abgangsrede die Anstalt verließ und nachmals über seine Schuljahre und Schulstudien in den Worten sich aussprach: „Schon in den Jahren, da ich nur die Menschen aus Büchern kannte, beschäftigten mich die Nachbildungen von Thoren, an deren Dasein mir nichts gelegen war. Theophrast, Plautus und Terenz waren meine Welt, die ich in dem engen Bezirk einer klostermäßigen Schule mit aller Bequemlichkeit studirte. Wie gerne wünschte ich mir diese Jahre zurück, die einzigen, in welchen ich glücklich gelebt habe.

Bald nach der Jubelfeier betrafen die Schule neue Drangsale des Kriegs. Gegen Ende des Jahres 1745 rückte unter Anführung des Fürsten Leopold von Dessau ein starkes Heer in die Stadt ein. Die Lehrer gingen ihm mit zwölf der kleinsten Schüler entgegen und baten fußfällig um Schonung der Landesschule. Dieser Act wiederholte sich, als Friedrich der Große selbst mit einem starken Corps in Meißen anlangte, und außer den Beschwerden der Einquartierung und Krankenpflege hatte die Schule nichts zu erleiden; selbst die Verlegung eines preußischen Lazareths in die Anstalt, blieb auf die Gesundheit der Schüler, die oftmals über die im Wege liegenden und in Stroh gehüllten Leichen hinwegsteigen mußten, ohne nachtheiligen Einfluß. Freilich hatte sich ihre Zahl während aller dieser Bedrängnisse ansehnlich vermindert und diejenigen, welche aushielten, mußten längere Zeit mit geringer Kost zufrieden sein. Die Sorge der sächsischen Regierung blieb jedoch fortdauernd auf Erhaltung ihrer Fürstenschulen gerichtet: ihre Verwaltungsangelegenheiten wurden aufs Neue geordnet, reichere Hülfsquellen wurden eröffnet und so gelang es, auch St. Afra von Neuem zu dem Ansehen zu erheben, in welchem sie zu ihrer blühendsten Zeit gestanden hatte; eine der wesentlichsten Veränderungen erfolgte im Jahre 1812, wo die Vertheilung der Schüler in sogenannte Zellen, deren 52 waren, aufgehoben und acht größere Locale eingerichtet wurden, in denen sie wohnen und studiren. Zum Schlafen dienen zwei große Säle, auf deren jedem 60 bis 65 Bettstellen sich befinden.

Hiermit kommen wir auf die gegenwärtige Einrichtung der Anstalt, die wir mehr für die Gegner als die Freunde derselben beschreiben, indem wir die Ordnung eines Sommertags mittheilen. Früh halb fünf Uhr läutet die Glocke zum Aufstehen; einer der zwölf obersten Schüler, die als Unteraufseher oder Hausinspectoren über ihre Mitschüler gesetzt sind, ruft zum Gebet, welches um fünf Uhr von einem Lehrer – Hebdomadarius genannt, weil er mit seinen Collegen wöchentlich abwechselnd die Inspection führt – gehalten wird. Bis 6 Uhr wird das Frühstück eingenommen, wo der Hausinspector zur Ordnung ruft. Auf diesen Ruf begiebt sich jeder an seinen in einer der acht Wohnstuben ihm angewiesenen Platz, wo sie sich mit Fertigung ihrer Aufgaben, mit Lesung eines lateinischen oder griechischen Schriftstellers, und mit Vorbereitung und Wiederholung der Lehrstunden beschäftigen. Während dieser Stunde werden die verschiedenen Stuben vom Hebdomadarius besucht, der sich zu überzeugen hat, ob Alle an ihren Plätzen und beschäftigt sind. Um 7 Uhr beginnen die öffentlichen Lehrstunden für jede der vier Classen und dauern, mit Unterbrechung einer Viertelstunde um 9 Uhr, bis 11 Uhr.

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Rector Baumgarten-Crusius

Unterrichtsgegenstände sind in den verschiedenen Lehrstunden: Religion, deutsche, lateinische, griechische, hebräische, französische Sprache, Mathematik und Physik, Geographie und Geschichte. Der deutsche Sprachunterricht knüpft sich vorzugsweise an schriftliche Ausarbeitungen, zu denen in Prima das vorgelegte Thema der freien Behandlung überlassen wird. Das Lateinische wird bis zur Fertigkeit im freien schriftlichen Ausdruck und im Sprechen getrieben, das Griechische bis zur Fertigkeit in schriftlichen Uebertragungen aus dem Deutschen oder Lateinischen, das Hebräische bis zum genauen grammatischen Verständniß, das Französische bis zur Gewandtheit im schriftlichen Ausdruck, Mathematik bis zur Trigonometrie und Lehre von den Kegelschnitten, Geographie und Geschichte nach dem ganzen Umfang ihres Gebiets. Von 11 bis 12 Uhr ist Freistunde, während welcher auch Privatunterricht ertheilt oder Uebungen im Turnen vorgenommen werden. Um 12 Uhr geht es unter Begleitung des aufsichtführenden Lehrers zum gemeinschaftlichen Mahl. Nach Abhaltung eines kurzen Tischgebets wird eine Suppe, darnach entweder Fleisch und Gemüse oder – Sonntags und Donnerstags – Braten mit Salat oder Obst aufgetragen und mit kurzem Gesang und Gebet die Mahlzeit geschlossen. Nach 1 Uhr versammeln sich die Schüler wieder an ihren Plätzen in den Stuben, wo jeder Obere einen oder einige seiner speciellen Unterweisung übergebene Untere unterrichtet. Man muß Zeuge dieser Methode sein, um ihre Möglichkeit sowohl als ihre Fruchtbarkeit zu begreifen. Sie gehört zu den wesentlichsten Vortheilen der Landesschulen. Es gewinnen dabei die Oberen, indem sie das Selbstgelernte zum Vortrag bringen, und die Unteren, indem sie einen Lehrer haben, der sich ausschließlich mit ihnen beschäftigt, auf die Bedürfnisse des Einzelnen genauer eingehen kann und gleichsam für sie allein da ist. Man hat diese Einrichtung auch auf solchen Gymnasien nachzuahmen gesucht, in denen die Schüler nach den öffentlichen Lehrstunden wieder aus einander gehen. Aber der Erfolg ist hier geringer, weil sich die Schüler fremder sind und mit ihren leiblichen und geistigen Interessen weniger in einander verwachsen. Auf den Landesschulen dagegen ist der Fall nicht selten vorgekommen, daß ein Unterer seinem wachern Oberen den wesentlichsten Theil seiner Bildung verdankte, und für das ganze nachmalige


Empfohlene Zitierweise:
: Illustrirte Zeitung, Nr. 6 vom 5. August 1843. J. J. Weber, Leipzig 1843, Seite 89. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Illustrirte_Zeitung_1843_06.pdf/9&oldid=- (Version vom 1.8.2018)