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Liste.png Illustrirte Zeitung, Nr. 6 vom 5. August 1843

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Das Drachenbassin.

die allgemeine Heiterkeit zu erstaunen, die plötzlich von allen Seiten zum Ausbruch kommt und die Luft mit Jauchzen erfüllt. Alles drängt jetzt und eilt. Athemlos rennen die Erwachsenen umher. Mit Gewalt müssen die Kinder fortgezogen werden, denn sie können sich nicht satt sehen und doch haben sie nur eine Stunde, eine einzige Stunde, um all die Herrlichkeiten zu bewundern. Ein Blick nach dem Titanen und seiner Felslast, nach der Wassergarbe des Drachen, nach dem Saturnusbecken und dem Musenplatz: dann eilt man zu den Hauptpunkten. Da ist zunächst Latona mit ihren Kindern Apollo und Diana. Sie fleht Jupiter an um Rache für die Beleidigung der groben Bauern. Mit einem majestätischen Wasserstrahl bringt sie die Frechen zum Schweigen, und statt ihrer Schmähungen erheben sich anmuthiggeformte Wasserbogen aus Fröschen zu ihr. Dann folgt Apollo mit seinem Viergespann, umgeben von Delphinen und Tritonen. Drei prachtvolle Wassersäulen steigen vom Wagen aus 50 – 60 Fuß hoch in die Lüfte empor, und hinter ihrem hellleuchtenden Schleier erglänzt der Gott des Lichts in seiner ganzen Schönheit, ein würdiges Sinnbild der Sonne, die ihn von oben bestrahlt und jeden Wassertropfen mit allen Farben des Regenbogens schmückt. Dieser Himmelsfahrt müde, ruht der Gott weiterhin im Gebüsch des Apollobades aus. Frei weiden die wiehernden Rosse neben ihm; er selbst lehnt, von Nymphen bedient, in einer Felsgrotte am Eingange des Palastes der Thetis. Endlich geht es zum größten und schönsten Punkt: dem Drachenstück und Neptunsbecken. Auf den immer grünen Rasen gelagert, der das Meisterwerk Gaspard de Marsy’s umgiebt, schwelgt man in dem prachtvollen Anblick der in gewaltigen Säulen majestätisch aufsteigenden und in glänzenden Tropfen anmuthig zurücksinkenden Wassermassen. Neptun und Amphitrite in der Mitte, Proteus zur Linken, Oceanus zur Rechten, ein Drache mit Amor an jeder Seite des Beckens, Najaden, Tritonen, Seepferde, Wasserkühe – Alles wirkt zusammen und liefert Ströme von Wasser. Aus 22 Metallvasen steigen Wassersäulen auf; zahllose Springquellen erheben sich aus dem Becken selbst; schäumend fließt Alles darin zusammen und es rauscht wie ein sturmgepeitschtes Meer.

Plötzlich wird Alles still, jedes Geräusch hört auf; die Ungethüme verstummen; wie ein Feuerwerk erlöschen die Wassersäulen; die ganze Zaubererscheinung verschwindet; nur die Zuschauer bleiben zurück und starren mit offenem Munde nach der Stelle, wo das Wasserspiel war.

Jetzt beginnt Alles an die Rückkehr zu denken, man will jedoch vorher noch den Abend im Park genießen. Erst sieht man von der großen Treppe aus die Sonne untergehen und in ihren letzten Strahlen die Wasserfläche wie ein Goldspiegel erglänzen. Dann geht’s wieder zum Rasen hinab, um die Fenster des Schlosses von der scheidenden Sonne beleuchtet zu sehen, während über dem grünen Hügelrücken bereits der Abendstern untergeht. Statt des Rauschens der Wasser hört man nun die Nachtigall flöten, und der Park erscheint im Abenddunkel noch erhabener und großartiger, als da am Tage das Wasser dort Feenpaläste aus funkelnden Säulen errichtete. Wahrlich, der Park ist jetzt schöner als zu Ludwig XIV. Zeit! Das Wasser nahm ab, die Bildsäulen wurden schwarz, aber die Bäume wuchsen und ihr Laub gewährt kühlere Schatten.

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Bassin des Saturn.

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Der Wagen des Apoll.

Empfohlene Zitierweise:
: Illustrirte Zeitung, Nr. 6 vom 5. August 1843. J. J. Weber, Leipzig 1843, Seite 93. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Illustrirte_Zeitung_1843_06.pdf/13&oldid=3332292 (Version vom 1.8.2018)