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Liste.png Illustrirte Zeitung, Nr. 3 vom 15. Juli 1843

„Ich frage Hrn. Caumartin selbst“, sagte Madame Kertz. „Ich habe Ihnen nicht zu antworten,“ antwortete dieser. „Sie dürfen den Angeklagten nicht befragen“, sagte der Präsident. Am Schluß ihres Verhörs erklärte Caumartin, ihre Aussagen seien voll Irrthümer; seine Vertheidiger zwangen sie zu dem Eingeständniß, daß Fräulein Heinefetter Sirey schon kannte, als sie zuletzt an Caumartin schrieb, obwohl sie das Gegentheil versichert; auch gestand Madame Kertz ein, daß Fräulein Heinefetter Caumartin’s Ankunft erwartet habe, denn die Schauspielerin Julie, die aus Paris gekommen, habe sie angekündigt und Fräulein Heinefetter, die gerade ausziehen gewollt, sei deshalb noch einige Tage in der ihr von Caumartin gemietheten Wohnung geblieben.

Die zweite Gesellschaftsdame, Fräulein Behr, eine Deutsche, „27 Jahre alt“, sagte aus, daß Sirey sie gebeten, Fräulein Heinefetter aus dem Zimmer zu halten, weil er mit Caumartin sprechen wolle. Ein Hr. Banhoobruck erklärte: Im September reiste ich mit der Post aus Paris nach Brüssel. Im Wartezimmer sah ich eine höchst elegante Dame ankommen. Gleich darauf erschien ein junger Mann, den sie zu erwarten schien und der ihr zärtlich die Hand drückte. Im Wagen saß er neben ihr und sie schienen in so gutem Einverständniß, daß ich sie für Neuvermählte hielt. Am Grenzzollamt erfuhr ich ihre Namen. Es waren Caumartin und Fräulein Heinefetter. Der Gesellschaftsdame bewies Hr. Caumartin wenig Aufmerksamkeit, denn bei Tische reichte er mir die Schüsseln, ohne sich um sie zu bekümmern. – Die Schauspielerin, bei der Fräulein Heinefetter wohnte, Julie Kinzinger, genannt Fräulein Lebrun, erklärte, als sie Caumartin’s Ankunft von ihrer Dienerin erfahren, habe sie gleich Streit gefürchtet. Die Dienerin habe später sie und sie selbst den Hauswirth gerufen und Beide seien gerade vor Fräulein Heinefetter’s Thür angekommen, als Caumartin wegeilte, um einen Arzt zu holen. Fräulein Heinefetter habe sich dann in ihr Zimmer geflüchtet und von Caumartin gesagt: „Ich möchte ihn ermordet sehen!“ worauf Fräul. Lebrun geantwortet: „Das ist ja schrecklich! haben Sie nicht genug an dem armen Sirey!“ Madame Kertz habe gesagt, es sei ein großes Unglück, da Sirey Fräulein Heinefetter grade einen Wagen kaufen wollen und ihr noch 400,000 Fr. gegeben haben würde; es wäre besser, wenn es Caumartin getroffen. Auf die Frage, ob Caumartin während seiner ersten Anwesenheit in Brüssel bis spät des Abends bei Fräul. Heinefetter geblieben, antwortete Fräulein Lebrun: „Freilich, so daß ich, um den Schein zu retten und damit man glaube, ich wisse nicht, was in meinem Hause vorgehe, Madame Kertz fragen ließ, ob Alle weg seien und das Haus verschlossen werden könne. Ich wußte vollkommen Bescheid und that dies blos der Diener wegen; es war aber nicht nöthig, denn die wußten es eben so gut wie ich.“ – Der Hauswirth, Hr. de Merx sagte aus, daß er eine lange Unterredung mit Hrn. Caumartin gehabt, der durchaus nicht abreisen wollen, weil er Sirey nicht ermordet, sondern dieser sich selbst aufgespießt habe. Endlich habe er Caumartin durch die Bemerkung zur Abreise bestimmt, daß er dies seiner Mutter schuldig sei. Hrn. de Merx’ Hausmagd sagte aus: Am 19. November klingelte es, ich öffnete die Thür; da trat Hr. Caumartin ein und fragte nach Fräulein Heinefetter; ich sagte, es sei Niemand zu Hause, er ging hinauf, ich schloß ihm das Zimmer auf; ich wollte Fräulein Lebrun benachrichtigen, da begegnete mir auf der Treppe Madame Kertz; ich sagte es ihr und auch Fräulein Heinefetter, die an Sirey’s Arm heraufkam; sie trat einen Schritt zurück und schien sehr überrascht; gleich darauf machte ich Feuer in ihrem Schlafzimmer; da war Milord und Sirey bei den Damen; Sirey ließ die Damen in den Speisesaal gehen und sagte ihnen, sie möchten dort nur ruhig sein; er blieb mit Milord allein und sagte zu diesem, er müsse ihm helfen, wenn es nöthig werde; Milord antwortete: „Man muß die Scheiben nicht einschlagen!“ worauf Sirey sagte: „Ich will sie nicht einmal springen machen!“ Zum Schluß wurde noch eine Anzahl von Kellnern, Kutschern und andern Personen vernommen, die zum Theil Caumartin an der Stirne verwundet und hinken gesehen.

Am dritten Tage begannen die Verhandlungen mit dem Verhör des 24jährigen Steiner aus Paris. Dieser erzählte: Als ich eines Abends von Fräulein Heinefetter nach Hause ging, traf ich Caumartin. Er bat mich um eine Unterredung und sagte mir, er bewerbe sich um Fräulein Heinefetter, diese liebe ihn und er ersuche mich, meine Besuche bei ihr einzustellen. Ich antwortete, wenn es so stehe, verspreche ich ihm dies. Wir blieben bis 2 Uhr Morgens beisammen und drückten uns beim Abschiede freundlich die Hand. Als ich nach Hause kam, fand ich einen Brief von Madame Kertz, worin diese mir mittheilte, Caumartin führe beleidigende Reden über mich und erwarte mich am folgenden Tage um 4 Uhr bei Fräulein Heinefetter. Wir trafen uns wirklich dort, gingen lebhaft auf einander zu, es entstand ein Wortwechsel und es gab selbst Thätlichkeiten, aber von Dolch und Degen war nicht die Rede. Madame Kertz reizte offenbar Caumartin gegen mich und mich gegen Caumartin auf. Ein anderer Herr, der auch zugegen war, sagte: „Das ist eine Infamie! Es ist ein Hinterhalt, in den Sie alle Beide gelockt sind!“ Caumartin äußerte: „Es ist Schmutz und man will Blut hinein mischen!“ Am Abend kam Madame Kertz mit dem Degen zu meinem Vater und forderte ihn auf, Caumartin zu verklagen. Mein Vater sagte, in dergleichen mische er sich nicht. Mir sagte Madame Kertz, wenn ich Caumartin verklage, wolle sie gegen ihn aussagen und auch Fräulein Heinefetter sei sehr bereit dazu. Ich antwortete ihr, Caumartin habe sich wie ein Ehrenmann benommen und ich denke nicht daran, ihn zu verklagen. Fräulein Behr sagte mir, Fräulein Heinefetter sei ein herzloses Geschöpf und verdiene nicht mit einem rechtschaffenen Manne in Verbindung zu stehen. Steiner übergab dem Gericht einen deutschen Brief, in welchem Madame Kertz ihm ankündigte, daß Caumartin beleidigende Reden über ihn führte und ihn um 4 Uhr Nachmittags zu Fräulein Heinefetter bestellte. Caumartin erklärte, ihm habe Fräulein Behr einen gleichlautenden französischen Brief gegen Steiner geschrieben. „Der Auftritt in Paris, sagte er, war ein Vorspiel des Auftritts in Brüssel. Man reizte Hrn. Steiner gegen mich, wie später den unglücklichen Sirey. Auch in Paris standen die Damen erst dabei und als sie uns in Streit gebracht, eilten sie fort, wie in Brüssel.“ Madame Kertz wurde mit Steiner confrontirt und überführt, daß sie früher mit Unwahrheit ausgesagt hatte, Caumartin habe einen Stockdegen gegen Steiner gezogen und diesen verwundet. Darüber sagte Caumartin: „Der Gerichtshof und die Herren Geschwornen haben vielleicht bemerkt, daß ich mich enthielt, irgend eine Frage oder Bemerkung an Fräulein Heinefetter zu richten, als diese verhört wurde. Ich befinde mich in einer zarten, verlegenen Stellung. Ich spreche mit aller möglichen Zurückhaltung, aber habe mich gegen eine Anklage zu vertheidigen. So viel will ich sagen: mein Stockdegen stand bei Fräulein Heinefetter, weil ich spät da war und ihre Wohnung ganz einsam lag.“ Der Advokat Chair d’Estange fügte hinzu: die Straße Labruyère, wo Fräulein Heinefetter in Paris wohnte, ist öde und noch nicht ganz bebaut.“ Der Arzt, den Caumartin in der Nacht holte, sagte aus, daß dieser geäußert: „Es ist ein gräßliches Unglück! Zwei achtbare Familien werden eines elenden Weibes wegen zur Verzweiflung gebracht.“ Drei Gerichtsärzte, welche Sirey’s Obduction vorgenommen, erklärten übereinstimmend, daß die Wunde nach ihrer Lage, und ihrer zerrissenen Ränder wegen durch Aufspießen, nicht durch einen Stich verursacht scheine. Ein Arzt aus Paris, der Caumartin nach der Rückkehr behandelt, bestätigt dessen Verwundung an der Stirne, sowie auch, daß er eine Art Messerstich am Schenkel gehabt habe. Nachdem dann auch Fräulein Behr mit Steiner confrontirt und verschiedener Widersprüche überführt war, wurden selbst die Untersuchungsbeamten über frühere jetzt in Abrede gestellte Angaben der Damen vernommen. Dann begann das Verhör der Entlastungszeugen, auf deren Vernehmung die Vertheidiger jedoch größtentheils verzichteten, weil, wie der Advokat Chair d’Estange sagte, die Belastungszeugen selbst schon Entlastungszeugen gewesen seien. Ein Arzt aus Rotterdam bestätigte ebenfalls Caumartin’s Verwundung am Schenkel. Ein Notar aus Paris sagte aus, daß er kurz vor dem Unfall einen Ehevertrag zwischen Caumartin und einer Dame entworfen habe, daß der Vater dieser Dame auch jetzt noch geneigt scheine, die beabsichtigte Heirath zu genehmigen, daß Caumartin einen äußerst sanften Charakter habe und Aehnliches. Dagegen erklärte ein Friseur, daß Sirey ihn schlagen wollen, weil er eine Schauspielerin de Roissy getadelt; der Direktor des Hospitalwesens, daß Sirey ihm eine Ohrfeige, wofür er zu 100 Fr. Strafe verurtheilt worden sei, gegeben habe, weil er beim Herausgehen aus dem Theater im Gespräch mit einem Freunde dieselbe de Roissy getadelt und Sirey dies zufällig gehört habe; der Theaterdirektor mehre Auftritte ähnlicher Art; ein Schriftsteller Siret, daß Sirey mit Extrapost nach Brüssel gekommen, in der Nacht zu ihm eingedrungen und ihn mit einer Pistole bedroht, weil

Illustrirte Zeitung (1843) 03 007 1 Grundriß der Wohnung von Kathinka Heinefetter.PNG

Grundriß der Wohnung von Kathinka Heinefetter.
Beschreibung: A. Die Stelle, wo die Tödtung begangen worden ist.  B. Die Stelle, von wo aus Fräulein Heinefetter gesehen haben will, daß Caumartin den Degen aus der Wunde zog.  C. Blutfleck; die Stelle, wo Sirey verschied.  a. Fräulein Heinefetter.  b. Sirey.  c. Madame B.  d. Fräulein I.  e. Mad. v. K.  f. M. D. aus Lüttich.  g. M. – aus Lüttich.  h. M. E. l. Nipptisch.  j. Die Stelle, wo Caumartin saß, während die Uebrigen zu Abend aßen.  k. Heizungsapparat.  l. Kamin  m. Sofa.  n. Divan.  o. Ein Tisch, wo zwei Flaschen und leere Gläser standen.  p. Pianoforte der Fräul. H.  q. Ein Bett.  r. Kamin.  s. Ein Divan.  t. Ein Bett.  u. Ein Divan.  v. Ein Bett.  x. Ein Divan.

Empfohlene Zitierweise:
: Illustrirte Zeitung, Nr. 3 vom 15. Juli 1843. J. J. Weber, Leipzig 1843, Seite 39. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Illustrirte_Zeitung_1843_03.pdf/7&oldid=- (Version vom 7.6.2018)