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denkt an das antik griechische Profil[1]. So wurden elende Kritzeleien mit der Feder zu hohen Preisen verkauft, wenn sie Aehnlichkeit mit dem Kopfe zwischen Figur 22 und 105 zeigten, mit einem Profil, welches man mit geschlossenen Augen zeichnen könnte. In derselben Art halte man im Leben die vollkommen gerade Haltung für schön. Sähe ein Tanzmeister seinen Schüler in der zierlichen Stellung des Antinous, so würde er Zeter schreien, und demselben sagen, er sehe so gekrümmt, wie ein Bockshorn, aus, und solle den Kopf wie er selbst halten. Figur 6 und 7. (Der Tanzmeister soll übrigens das Porträt eines damaligen Ballettänzers Essex sein.)

Die Wellenlinie, als Princip der Schönheit, soll Michel Angelo an einem antiken Torso (Figur 54) entdeckt haben; in diesem Principe mag die Ursache liegen, daß seine Werke an Erhabenheit und Zierde den besten Antiken gleichkommen. (Der hier dargestellte Torso des Hercules wird bekanntlich mit dem Namen des Michel Angelo bezeichnet. Auf der hiesigen Copie steht auch die Inschrift, welche sich unter demselben befindet, und den Meister anzeigt: Άπολλώνιος Νέστορος έποίετ.)

Die Wellenlinie, auch als Zierrath angebracht, macht stets eine gute Wirkung. Bei fast allen antiken Gottheiten bildet sie ein solches, als Füllhorn, Schlange u. s. w. Die zwei kleinen Isis-Köpfe, 27 und 28, dienen als Beweis, der eine mit einer Kugel zwischen zwei Hörnern, der andere mit einer Lilie. Die Blätter der Lilie sind überhaupt wegen der geschlungenen Wendung sehr graciös, Figur 43, eben so die Cyclamen autumneum, Figur 47.

Hogarth weiß vorher, daß sein Werk von den sogenannten Kunstkennern der britischen Nation nicht gewürdigt werden wird, welche bereits durch fashionable Führer in das Heiligthum eingeführt sind. Ein solches Exemplar auf Reisen wird Figur 1 gezeigt. Diese Figur eines kunstliebenden Milor in einer Gemälde-Gallerie des Auslandes an der Hand seines Mentors war eine damalige von dem Italiener Ghezzi gezeichnete Carrikatur.


  1. Der Erklärer glaubt, bemerken zu müssen, daß er die Ideen Hogarth’s ausschließlich bei diesem Commentare wiedergibt, ohne sich in Critiken genauer einzulassen.