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weist den Jahrhunderten ihre Bahn auf die Augenblicke und die Zeiten auf die Erfüllung, nennt das Gestern wie das Morgen sein Heute, von dem und zu dem alles geht, schließt, um mit Luther zu reden, implenda wie impleta zusammen und erhebt das Seine zur stetigen Identität mit sich selbst.

 Von den Räumlichkeiten der weitesten Fernen und der entlegensten Weiten ungehemmt, alle durchwaltend, alle bewegend, in keine Form gebannt und doch, ja eben deshalb mächtig genug, im Menschenherzen Wohnung zu machen, im Menschenleben Gestalt zu gewinnen, kann er allenthalben alles erfüllen und bleibt von allem verschieden. Wie er über den Wechsel der Zeiten gebietet, so über die Grenzen des Raumes, die ihn nicht zu halten noch zu hemmen vermögen. Und darum hat er zum Heute der Ewigkeit die Weite gesellt, daß eine Leiblichkeit seine Weltwege ende, die des Raumes nicht bedarf, aber ihn schafft, von ihm nicht gehalten, aber in ihm geheiligt wird. „Die Räumlichkeit und Zeitlichkeit hienieden ist nur die Träne oder der Winter der Ewigkeit“, sagt Saint Martin († 1805). Was aber in den dem irdischen Geschehnisse, damit es werde und sei und als Form vergehe, im Ertrag bleibe, gegönnten Kategorien sich vollzieht, kann ihn weder bereichern noch ärmer machen, weder umgestalten noch verklären. Denn nicht in schlichter Unveränderlichkeit, die das Gebet ebenso nutzlos als das Wunder unmöglich erscheinen ließe, sondern in seliger Allgenugsamkeit besitzt er sich selbst, der bereichert, nicht um reicher zu werden, und gibt, nicht um zu empfangen.

 Der göttlichen Absolutheit entspricht, ja ist nötig die Aseität, welche nichts bedarf, begehrt und will, um unausgeführte Möglichkeiten in ihr zu Wirklichkeiten zu erheben und Natur mit Inhalt und Wesen zu erfüllen, sondern Leben und volles Genüge hat.


III.

 In dieser leuchtenden Abgeschlossenheit ruht die Heiligkeit beschlossen, deren ganze Größe, wie es gerade hier deutlich zutage tritt, das Wort nie aussagen kann. Deo gratias, quia id, quod competenter non potest dici, potest fideliter credi „Dank sei Gott, weil das, was nicht zureichend gesagt werden mag, geglaubt werden kann“ (Augustin). Weder das hebräische „Heilig“ kadosch, ob es von kadesch (schneiden) oder von kada (hellsein) abgeleitet wird, noch das griechische ἅγιος in seiner Ableitung von ἅζομαι (des Verehrungswürdigen), noch ἱερὸς mit der

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Hermann von Bezzel: Die Heiligkeit Gottes. Dörffling & Franke, Leipzig 1916, Seite 10. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Hermann_von_Bezzel_-_Die_Heiligkeit_Gottes.pdf/10&oldid=- (Version vom 9.9.2016)