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der Ostküste des adriatischen Meeres zu befestigen, nach dem Besitze des Hinterlandes von Dalmatien, d. h. Bosniens und der Herzegowina. Als 1875 in diesen beiden Ländern ein Aufstand gegen die Pforte ausbrach, wurde die orientalische Frage wieder brennend, indem sowohl Russland als auch Österreich nunmehr die Gelegenheit für günstig erachteten, ihre Balkanpläne zu verwirklichen. Russland holte aus zu einem entscheidenden Vorstosse gegen die Pforte; da zeigte es sich bald, dass es sich dabei auf irgend eine Weise mit Österreich auseinandersetzen müsse.

Von Deutschland hing es ab, ob Russland freie Hand für seine Orientpolitik gegen Österreich haben würde. Der Hauptgesichtspunkt der Politik Bismarcks nach 1871 war die Sicherung Deutschlands vor den Gelüsten Frankreichs nach Revanche und Rückeroberung Elsass-Lothringens. Um die Mitte der siebziger Jahre hatte er nun allerdings nicht mehr den Eindruck, als ob in einem neuen deutsch-französischen Kriege noch ebenso, wie 1870/71, auf eine wohlwollende Neutralität Russlands gerechnet werden könnte; auch hatten sich die persönlichen Beziehungen der leitenden Staatsmänner, Bismarcks und Gortschakows, damals verschlechtert. Fernerhin glaubte Bismarck, falls es zu einem österreichisch-russischen Orientkonflikte käme, nicht dulden zu dürfen, dass Österreich dann seine Stellung als selbständige Grossmacht einbüsse, weil Russland dadurch ein auch für Deutschland schwer fühlbares Übergewicht in Europa erlangen würde. Im Sommer 1876 machte Russland einen Versuch, sich mit Österreich-Ungarn in der Balkanfrage auseinanderzusetzen Es fanden Verhandlungen zwischen dem Zaren und Gortschakow einerseits und Kaiser Franz Josef und Andrassy andererseits zu Schloss Reichstadt in Nordböhmen statt; ihr Ergebnis war das sog. „Resumé des pourparles secrets de Reichstadt de 8. juillet 1876“, worin Russland zwar bei einem unglücklichen Kriege gegen die Türkei Österreichs Hilfe in Aussicht gestellt, betreffend Bosnien und die Herzogowina jedoch für alle Fälle bestimmt wurde, dass Österreich hier ein Landgewinn erwachsen solle. Dieser Preis an Österreich für die Erlaubnis zum Angriffe auf die Hohe Pforte schien nun Russland doch wohl zu hoch, und so verlangte der Zar im Herbst 1876 von Bismarck peremtorisch eine Erklärung darüber, ob Deutschland im Falle eines russisch-österreichischen Krieges neutral bleiben würde. Kurz zuvor (im August 1876) hatte Bismarck dem Zaren ein Schutz- und Trutzbündnis angeboten; d. h. wenn Deutschland auf Russlands Hilfe gegen Frankreich rechnen konnte, wollte es seinerseits den russischen Orientplänen Vorschub leisten. Dieser Antrag war abgelehnt worden, und umsoweniger hatte Bismarck jetzt Lust, den des Zaren anzunehmen; er wich eine Zeitlang der Antwort aus und gab schliesslich (Mitte Oktober) den Bescheid, dass Deutschland eine Vernichtung der Grossmachtstellung Österreichs nicht dulden könne. Noch einmal, im November, liess er bei Gortschakow sondieren, ob Russland gegen Unterstützung im Orient auf einen Garantievertrag für Elsass-Lothringen eingehen wolle; Gortschakow winkte ab. Auf dem parlamentarischen Diner vom 1. Dezember und in seiner Reichstagsrede vom 5. dieses Monats betonte Bismarck darauf mit aller Deutlichkeit, dass Deutschland Österreichs Bestand und Integrität nicht antasten lassen würde.

Damit war die Situation geklärt. Russland sah, dass auf Deutschlands unbedingte Neutralität nicht zu rechnen sei. Es konnte daher an Österreich nicht vorbei, sondern musste sich auf der Grundlage des Resumés von Reichstadt bei ihm die Erlaubnis zum Kriege gegen die Türkei einholen; sie wurde erteilt durch die militärische Konvention zu Pest vom 15. Januar 1877 und die sog. convention additionelle vom 18. März zu Wien, die Österreich den Erwerb von Bosnien und der Herzegowina garantierte. Nun erst konnten die Russen losbrechen; als sie aber schliesslich mit rumänischer Hilfe den Sieg errangen, schlossen sie den Frieden von Santo Stefano (3. März 1878), der die Ansprüche Österreichs ignorierte und ein autonomes Grossbulgarien als russischen Schutzstaat schuf, der auch den Russen für ihre Flotte den Bosporus und die Dardanellen freigab. Dagegen protestierten Österreich und England, und auf dem Berliner Kongress (Sommer 1878) musste Russland in der Tat in allen diesen genannten Punkten zurückweichen: die Meeresstrassen blieben gesperrt; Bulgarien wurde verkleinert; Bosnien und die Herzegowina kamen an Österreich, und zwar lediglich aus Rücksicht auf die Pforte in der Form einer blossen Okkupation; im Sandschak Novi-Bazar erhielt Österreich militärisches Besatzungsrecht.

In Russland wurde die Schuld an diesem Ausgange des Krieges Deutschland zugeschrieben, das man der Undankbarkeit bezichtigte, da ja die Voraussetzung für die Ereignisse von 1866 und

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Diverse: Handbuch der Politik – Band 3. Dr. Walther Rothschild, Berlin und Leipzig 1914, Seite 338. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Handbuch_der_Politik_Band_3.pdf/354&oldid=- (Version vom 14.9.2022)