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Staatsmänner in der Zeit von 1905 bis zur Gegenwart immer an guten Beziehungen zu Deutschland festgehalten haben und nicht daran gedacht haben, sich vollständig in den Dienst des französisch-englischen Gegensatzes gegen Deutschland zu stellen. Seitdem der Gegensatz zwischen England und Deutschland an Spannung nachgelassen hat, hat infolgedessen auch die enge Beziehung Englands zu Russland nachgelassen, die überhaupt sofort als anormal erscheint, sobald in Türkisch-Asien, Persien, Zentralasien und Ostasien die russischen Interessen entschieden betont werden. Denn damit tritt sofort überall England als der gegebene Feind hervor. Diese Betonung der grossen asiatischen Interessen aber, auf denen vor allem die Weltmachtstellung Russlands ruht, gehört besonders zu der politischen Überzeugung des Zaren, der schon als Grossfürst durch seine Reise in Asien sich persönlich mit all diesen Gedanken durchtränkt hat.

So ist die politische Stellung Russlands ziemlich kompliziert. Mit der Freundschaft zu Frankreich und den Rüstungen und Eisenbahnbauten an seiner Westgrenze gegen Deutschland und Österreich verträgt sich ein politisch gutes Verhältnis zum deutschen Reich und vertragen sich immer enger werdende wirtschaftliche Beziehungen – steht doch Deutschland heute an erster Stelle unter den nach Russland einführenden Ländern. Und mit der Freundschaft zu England verträgt sich der entschiedene Gegensatz der russischen Asien-Politik zu diesem. Die Tendenzen aber der ganzen russischen Politik bleiben die alten, einfachen, die Peter der Grosse vorgezeichnet hat: das Streben nach Abrundung des Machtgebietes und nach dem Besitze von Flussmündungen und Häfen, die eine dauernde Verbindung mit der Weltwirtschaft und Weltkultur, wie wir nun heute sagen müssen, garantieren.






102. Abschnitt.


Österreich-Ungarn seit 1866.
Von
Dr. Paul Herre,
a. o. Professor der Geschichte an der Universität Leipzig.


Anmerkung WS: Text ist nicht gemeinfrei, Paul Herre starb 1962.


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Diverse: Handbuch der Politik – Band 3. Dr. Walther Rothschild, Berlin und Leipzig 1914, Seite 327. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Handbuch_der_Politik_Band_3.pdf/343&oldid=- (Version vom 6.2.2022)