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braucht zweitens eine grosse Einfuhr von fremdem Kapital, um den Frühkapitalismus, der seit Mitte der 80er Jahre in ihm entstanden ist, zum reifen Kapitalismus nach westeuropäischem Vorbilde weiter ausgestalten zu können. Gegen diese Vorbedingungen wenden sich einmal die alten aggressiv panslawistischen Strömungen, die Russland in einen Krieg treiben möchten, und sodann der oben schon charakterisierte Nationalismus, der das ganze Gebiet des Reiches durchaus dem russischen Wesen und Volk ausschliesslich reservieren will. Aus dem Gegeneinander dieser verschiedenen Tendenzen ergibt sich die politische Lage der Gegenwart, in der die augenblicklich führenden Staatsmänner, insonderheit der Ministerpräsident, sowohl ehrlich konstitutionell wie bewusst und absichtlich friedlich gestimmt sind.

III.

Gemäss der Aufgabe dieses Teiles unseres Handbuches ist noch ein Überblick über politische Stellung und Ziele Russlands in der Gegenwart hinzuzufügen.

Nachdem die Expansion nach Ostasien durch den unglücklichen Krieg mit Japan zum Stillstand gekommen war, hat sich Russland wieder dem nahen Osten zugewendet. Zwar ist jene keineswegs völlig gescheitert: im Mandschureiabkommen von 1910 hat Russland mit Japan in der Hauptsache doch das für die Mandschurei erreicht, was es brauchte und nötig hat, und daneben ist es, seitdem die Revolution in China die Möglichkeit dazu bot, in der Mongolei immer entschiedener vorangegangen, dort seinen Einfluss auszudehnen. (Vertrag vom 3. Nov. 1912.) Aber diese Ausdehnung vollzieht sich geräuschlos, unbemerkt, von der öffentlichen Meinung des russischen Volkes nicht getragen. Für diese ist, soweit sie sich überhaupt für die äussere Politik interessiert, die Zukunft, die man von der Gestaltung der orientalischen Frage erhofft, viel wichtiger. Der zweimalige Vorstoss Österreich-Ungarns 1908 und 1911, der zweimal diese Frage ins Rollen brachte, hat in Russland alle alten panslawistischen und aggressiven Tendenzen auf das stärkste neu erweckt. Das Gefühl der Gemeinsamkeit mit den Balkanslawen suchte beide Male Russland in den Krieg hinein zu treiben, der mit Österreich um die Vorherrschaft auf der Balkanhalbinsel zu führen gewesen wäre. In beiden Fällen blieb die friedliche Tendenz des Zaren und seiner Staatsmänner siegreich, für die die innere Weiterentwicklung wichtiger und notwendiger erschien, als die Jagd nach einer Herrschaft über die Balkanhalbinsel, die doch nur ein Traum bleiben musste. Inzwischen hat sich auf der Balkanhalbinsel eine neue Gliederung durchgesetzt, die sich nun selbständig zwischen Österreich und Russland legt und die den Panslawismus als ein Programm russischer Vorherrschaft über die Balkanhalbinsel endgültig erledigt; auf diesem Gebiete ist für ihn nichts mehr zu hoffen.

Die politische Stellung Russlands zu dieser Frage wurde dadurch so verstärkt, dass sich vom Kriege mit Japan an bis 1908 hin eine Umkehrung seines Verhältnisses zu England vollzog. Es gelang nicht nur, das Verhältnis zu Frankreich in der alten Festigkeit aufrecht zu erhalten, das durch Frankreichs Nichtbeteiligung am japanischen Kriege getrübt war, sondern der Gegensatz Englands gegen Deutschland trieb die englische Politik dazu, die viel grösseren Gegensätze zwischen Russland und England in den Hintergrund zu schieben und eine Entente mit ihm anzubahnen. Das Abkommen über Persien vom 31. August 1907 und die Zusammenkunft Edwards VII. mit dem Zaren in Reval am 9./10. Juni 1908 waren die beiden hauptsächlichsten Etappen dazu. Das gemeinsame Vorgehen in Mazedonien 1908 brachte das zum äusseren Ausdruck.

So beruht die politische Stellung Russlands heute auf seinem festen Bunde mit Frankreich und dieser freundschaftlichen Entente mit England, die durch die Anglophilie weiter russischer Kreise gefördert wird. Andererseits sind die Fäden mit Deutschland nicht völlig zerrissen worden. Die Beziehungen zwischen den Monarchen sind durch eine ganze Reihe von persönlichen Zusammenkünften immer aufrecht erhalten geblieben. Daneben sind persönliche Berührungen der beiderseitigen Staatsmänner getreten, die vor allem in dem sogenannten Potsdamer Abkommen vom 19. Mai 1911 ihren Abschluss gefunden haben. Es ist kein Zweifel darüber, dass ein grosser Teil der öffentlichen Meinung und politischen Kreise in Russland die alte panslawistische Deutschfeindlichkeit noch bewahrt und sich deshalb gern in das gegen Deutschland gerichtete System Edwards VII. ziehen liess. Aber ebenso ist kein Zweifel, dass sowohl der Zar wie die verantwortlichen

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Diverse: Handbuch der Politik – Band 3. Dr. Walther Rothschild, Berlin und Leipzig 1914, Seite 326. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Handbuch_der_Politik_Band_3.pdf/342&oldid=- (Version vom 14.9.2022)