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Seite:Goethe Götz von Berlichingen WA Bd 8 074.jpg

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an euch vermißte. Endlich gingen mir die Augen auf. Ich sah statt des activen Mannes, der die Geschäfte eines Fürstenthums belebte, der sich und seinen Ruhm dabei nicht vergaß, der auf hundert großen Unternehmungen, wie auf übereinander gewälzten Bergen, zu den Wolken hinauf gestiegen war; den sah ich auf einmal, jammernd wie einen kranken Poeten, melancholisch wie ein gesundes Mädchen, und müßiger als einen alten Junggesellen. Anfangs schrieb ich’s euerm Unfall zu, der euch noch neu auf dem Herzen lag, und entschuldigte euch so gut ich konnte. Jetzt, da es von Tag zu Tage schlimmer mit euch zu werden scheint, müßt ihr mir verzeihen wenn ich euch meine Gunst entreiße. Ihr besitzt sie ohne Recht, ich schenkte sie einem andern auf Lebenslang, der sie euch nicht übertragen konnte.

Weislingen. So laßt mich los.

Adelheid. Nicht, bis alle Hoffnung verloren ist. Die Einsamkeit ist in diesen Umständen gefährlich. – Armer Mensch! Ihr seid so mißmüthig, wie einer dem sein erstes Mädchen untreu wird, und eben darum geb’ ich euch nicht auf. Gebt mir die Hand, verzeiht mir, was ich aus Liebe gesagt habe.

Weislingen. Könntest du mich lieben, könntest du meiner heißen Leidenschaft einen Tropfen Linderung gewähren! Adelheid! deine Vorwürfe sind höchst ungerecht. Könntest du den hundertsten Theil ahnen von dem, was die Zeit her in mir arbeitet, du würdest

Empfohlene Zitierweise:
Johann Wolfgang von Goethe: Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand. Weimar: Hermann Böhlau, 1889, Seite 74. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Goethe_G%C3%B6tz_von_Berlichingen_WA_Bd_8_074.jpg&oldid=3320645 (Version vom 1.8.2018)