Seite:Friedrich Bauer - Christliche Ethik auf lutherischer Grundlage.pdf/297

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

zu leisten, ist Sünde, weil man damit den unbedingten Gehorsam gegen Gott aufgibt, beide aber nicht nebeneinander bestehen können, und es gibt kein Mittel, dem Konflikt auszuweichen als durch freiwilligen Austritt. Es ist ein knechtisches Joch, welches ein solches Gelübde gegen die evangelische Freiheit auflegt, Gal. 5, 1. Wie verderblich dieser Gehorsam in der römischen Kirche überhaupt ist, ist in bemerkenswerter Weise hervorgetreten in dem Verhalten, welches an den Bischöfen der römischen Kirche gegen das auf dem Vaticanum promulgierte Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit beobachtet wurde, denen dieser Gehorsam gegen den Papst über ihre Gewissensüberzeugung und die Einheit der Kirche, also der Nutzen, über die Wahrheit ging und nach römischen Grundsätzen gehen mußte.

 Aber nicht allein dies Stück ist verwerflich an den Klostergelübden, sondern sie selbst, indem der Wahn dabei ist, daß die Erfüllung derselben nicht allein gerecht mache, sondern auch eine Vollkommenheit und ein Überverdienst gebe, von dessen Überfluß man den andern mitteilen könne. (Dagegen Luk. 17, 10; 1. Kor. 4, 3–4; 9, 17–23.) Das ist ein ganz ungöttliches Wesen, und es ist eine große Gnade Gottes, daß dieser Wahn durch die Reformation getilgt wurde. So hat sich die vermeintliche größte Frömmigkeit verkehrt in elenden Pharisäismus, der für das Reich Gottes das größte Hindernis ist und zu einer tief innerlichen Feindschaft gegen Christo wird.


Wert der Gelübde.

 Was den Wert der Gelübde anlangt, so hat man dabei auf die Veranlassung Rücksicht zu nehmen. Nehmen wir den Fall, daß ein Christ in großer und augenscheinlicher Gefahr Gott ein Gelübde thut: Wenn du mich errettest, will ich das und das als Dankopfer bringen, so ist hier recht deutlich zu sehen, was der Wert und Zweck des Gelübdes ist. Der Zweck ist offenbar, den Ernst der Bitte zu steigern, ihr größere Kraft zu geben. In der Verbindung des Gebetes mit Fasten haben wir etwas Analoges. Das Gelübde ist hier auch zugleich ein Zeichen des Ernstes im Gebet seitens dessen, der es ablegt. Ein Gelübde kann auch abgelegt werden unter dem starken Eindruck einer göttlichen Wohlthat (erfahrene Hilfe). Hier ist es ein Beweis, wie tief der Betreffende die empfangene Wohlthat empfinde. Etwas anders verhält sich die Sache mit einem Gelübde beim Beginn einer Unternehmung, irgend eine Gabe Gott als Dankopfer