Seite:Friedrich Bauer - Christliche Ethik auf lutherischer Grundlage.pdf/28

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

§ 9.
Das Verhältnis der Ethik zur Dogmatik.

 Dieses ist ganz wie das Verhältnis der Sittlichkeit zur Religion (s. § 5); die Ethik ruht ganz auf der Dogmatik und nimmt deren Lehrsätze zum Ausgangspunkt, die wiederum auf Thatsachen der Geschichte und der göttlichen Offenbarung ruhen. Solche sind der ursprünglich sündlose Zustand des Menschen, der Sündenfall und das daraus folgende gründliche allgemeine Verderben, die Gesetzesoffenbarung auf Sinai, die Erlösung durch Christum, die Ausgießung des Geistes etc. Alle diese Thatsachen und die daraus folgenden Lehrsätze bilden die Voraussetzung und den Grund der christlichen Ethik. Aber sie werden nicht, wie in der Dogmatik, an sich betrachtet und besprochen, sondern lediglich im Interesse der sittlichen Lebensaufgabe des Menschen. Die Ethik hat also ihren Ausgangspunkt in der Dogmatik; sie hat auch ihren Inhalt großenteils mit derselben gemein, aber sie hat einen anderen Zielpunkt. Sie ist eine Darstellung und Beschreibung des christlich-sittlichen Verhaltens in allen Lebensverhältnissen. Man hat die christliche Ethik in der lutherischen Kirche lange Zeit nur zusammen mit der Dogmatik abgehandelt. Dabei konnte sie aber nie zu ihrem Recht kommen. Sie verlangt bei aller Zusammengehörigkeit mit der Dogmatik eine getrennte Behandlung. Der erste, der sie als selbständige Wissenschaft in der lutherischen Kirche behandelte, war Calixt. Erst die neuere Zeit hat angefangen, etwas in der Ethik zu leisten (Harleß, Ch. F. Schmid, Sartorius, Wuttke, Culmann, Vilmar, Martensen, v. Hofmann, Luthardt, v. Oettingen, Frank).

 Anm. Das Verhältnis der Ethik zur Dogmatik ist am einfachsten so zu bezeichnen, daß die Ethik beider Lehre von der Heiligung des Gerechtfertigten in der Dogmatik einsetzt und nur die selbständige Ausführung dieses Lehrstückes ist, die Beschreibung des christlich-sittlichen Verhaltens. Die Ethik setzt also die Dogmatik bis zu dieser Stufe voraus.
 Dabei soll aber nicht geleugnet werden, daß auch der übrige Stoff der Ethik mit der Dogmatik gemeinsam ist, doch erscheint er bei beiden Disziplinen unter einem verschiedenen Gesichtspunkt: in der Dogmatik unter dem Gesichtspunkt der Veranstaltung, Vorbereitung und Verwirklichung des Heils, in der Ethik unter dem Gesichtspunkt der sittlichen Lebensaufgabe und der sittlichen Entwicklung, so daß eine und dieselbe Sache von zwei verschiedenen Seiten angeschaut wird, wodurch sich auch ein und dieselbe Sache verschieden repräsentiert, nicht blos als Thatsache der Heilsgeschichte, sondern auch als