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geworden, da hat der Mensch geübte Sinne, Weisheit und Verstand, zu unterscheiden das Gute und Böse, Hebr.  5, 14; 1. Kor. 14, 20, auch die Macht und die Herrschaft über sich selbst gewonnen, die Frucht langjährigen und ernsten Kampfes. Das ist ein Zustand der Entselbstung, da sich der Mensch hat selber verleugnen gelernt, Matth. 16, 24, da er sich selber Gesetze gibt und genau weiß, was er sich gewähren darf und was er sich versagen muß, ohne die gesetzliche Ängstlichkeit, die sich über allerlei ohne Not ein Gewissen macht, Kol. 2, 16. 21. Der Mensch, der sich selber und alle seine Verhältnisse ordnet, lernt auch die schwere Tugend des Maßhaltens (σωφροσύνη), 1. Tim. 2, 9; 2, 15; 2. Tim. 1, 7, welche das Zuviel und Zuwenig vermeidet und das rechte Maß trifft, welches den Umständen angemessen ist. Das gilt nicht bloß vom Genießen, sondern auch vom Reden, Arbeiten, Fasten etc. Die wahre Freiheit, kraft welcher der Mensch sich selber beherrscht, macht ihn auch möglichst unabhängig von den Dingen außer ihm und von ihren Einflüssen, ja zum Herrn aller Dinge, wie Luther sagt, und macht die Dinge und Verhältnisse ihm unterthänig, so daß annähernd die Herrschaft über die Kreaturen wieder errungen wird. Die wahre Freiheit bringt dem Menschen auch das rechte Glück: die Herrschaft des Guten, und das innere Maß bringt Einheit und Harmonie in seine Lebensbewegungen, und schon das macht ihn glücklich, daß er mit sich selbst eins ist; er erkennt und fühlt es als ein wahres Gut, freut sich dessen und genießt es. Der Mensch hat sich selbst gefunden auf diesem Wege und steht in der wahren, gereinigten und geheiligten Liebe zu sich selbst. Aber auch die anderen Kreaturen, Personen und Dinge genießt er in rechter Freiheit und freut sich derselben in Gott und liebt sie in Gott. Nicht bloß geistige Genüsse werden auf diesem Weg geheiligt, sondern im Gegensatz gegen den falschen Spiritualismus auch sinnliche Genüsse; und nicht bloß das Angenehme, sondern auch das Beschwerliche, die Mühe und Arbeit, besonders das Schaffen und Bilden, wird auf diesem Wege dem Menschen zur Lust. Sich ergötzen und erlustigen an den Kreaturen ist nicht Sünde, wenn Herz und Sinn gereinigt und geheiligt ist und wenn ihm seine Beziehung zu Gott gegeben, wenn es mit Danksagung empfangen wird, Kol. 3, 17; 1. Kor. 10, 30. 31; 1. Tim. 4, 3. 4. Es ist vielmehr Gottes Absicht, den Menschen zu erfreuen, Ps. 104, 15; 111, 2. Freude ist der Grundton des christlichen Lebens: „Meine