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§ 67.
Der störende Einfluß der Sünde auf diesem Gebiet.

 Wie auf allen Gebieten der Sittlichkeit die angeborne und großgezogene Sünde ihren mächtigen und störenden Einfluß übt, so auch auf dem Gebiet der individuellen Freiheit. Der alte Mensch sucht die von Gott gewährte Freiheit zu seinen Zwecken zu mißbrauchen und die oft schwer zu unterscheidenden Grenzen des Erlaubten zu überschreiten. Die böse Lust und die Trägheit zum Guten suchen oft ihren Vorteil unter dem Schein des Erlaubten. Die böse Lust mischt sich oft in die erlaubte Lust, und die Trägheit verbirgt sich hinter dem Mangel eines bestimmten Gebotes. Das Fleisch mißbraucht seine Freiheit zu seinen Zwecken, 1. Petr. 2, 16; Gal. 5, 13. 17. Es sucht die Gelegenheit zur Sünde überall, auch in erlaubten Dingen, und macht sie zur Sünde, wie bei erlaubten Vergnügungen und Erholungen geschieht. Es verkehrt die Ordnung des Lebens und macht den Genuß zum Lebenszweck und die Arbeit und Thätigkeit zur Nebensache, während der Genuß nur Mittel zum Zweck, Stärkung zu neuer Thätigkeit und Arbeit sein soll (Eudämonismus, feiner, grober), und während man auch in der Thätigkeit und Arbeit Lust und Genuß finden soll. Gerade auf diesem Gebiet findet das Fleisch viele Schlupfwinkel und bewirkt häufig Unlauterkeit der Gesinnung und des Handelns, da man meint, dem Geiste zu dienen, während man dem Fleische dient. Auch die ganze Eigentümlichkeit nimmt eine Mißgestalt an und wird zum Zerrbild, wenn man seinen verkehrten und einseitigen Neigungen nachgibt und sich gehen läßt, statt dieselben in Zucht zu nehmen und sie auf die rechte Bahn zu bringen.


§ 68.
Das Ziel des sittlichen Strebens auf dem Gebiet der individuellen Freiheit.

 Das Ziel ist die Sicherheit und Befestigung im Guten, die wahre Freiheit, nicht als ein Recht der freien Bewegung, sondern als ein sittlicher Zustand, da der Christ lernt, sich mit Sicherheit auch in schwierigeren Verhältnissen zu bewegen, daß er im Großen und Ganzen, Einzelheiten und kleinere Fehler ausgenommen, dem göttlichen Willen gemäß handelt. Damit ist auch das Ziel der göttlichen Erziehung erreicht: die christliche Vollkommenheit, Eph. 4, 13; 2. Tim. 3, 16. 17. Da ist aus dem freien Willen ein guter Wille