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philosophischen Doktrinen geblieben, nebst der Metaphysik (bei den Alten auch noch dazu Physik), Dialektik im engeren Sinn (= Logik) und Psychologie. Ihre Leistungen sind auch für die christl. Ethik zu beachten, weil beide noch so manchen gemeinsamen Boden haben. Das Christentum hebt die Grundlagen des Sittlichen, soweit sie vor und außer demselben erkannt worden sind, nicht auf, sondern bestätigt dieselben vielmehr und weist die Einheit der natürlichen und positiven Offenbarung darin nach. Es erkennt die Tugenden und Werke der Heiden an (Röm. 2, 14–15), wenn es auch deutlich zeigt, daß die Heiden bei all ihren Tugenden ohne die Erlösung verloren gehen müßten, wiewohl unter ihnen ein Unterschied ist, zwischen Guten und Bösen. Was Augustin durch den paradoxen Satz sagen wollte: „Die Tugenden der Heiden sind glänzende Laster“, ist insofern wahr, als das Heidentum den Weg der wahren Sittlichkeit wohl suchen, aber nicht finden konnte. Die allgemeine Ethik kann daher ihre Aufgabe nicht lösen, weil sie über die Vernunft, die doch unter dem Einfluß der Sünde und der durch diese sittlich verderbten Natur des Menschen steht, nicht hinauskommt. – Die christliche Ethik beruht auf der Offenbarung und ist die wissenschaftliche Darstellung der innerhalb der Christenheit aus dem Wort Gottes geschöpften und für den Christen maßgebenden Anschauungen, Erkenntnisse und Lehren von dem Sittlichen. –


§ 7.
Das Christentum und die ethische Aufgabe.

 Voraussetzung aller wahren Sittlichkeit ist ein auf das Gute im innersten Grund gerichteter Wille. Menschen mit solchem Willen, neue Menschen, schafft nur das Christentum.

 Weiter ist notwendig Kenntnis des rechten Ziels, des Weges, auf welchem, und der Mittel, durch welche dieses Ziel erreicht wird. Die christliche Wahrheit nach ihrer ethischen Seite zeigt deutlich das Ziel und den Weg zur sittlichen Vollendung, aber nicht bloß das, sondern zeigt, da sie auch den rechten Lebensgrund kennt, dem gläubigen Menschen auch die Quelle der sittlichen Kraft und gibt ihm die wirksamen Mittel an die Hand, damit er seine sittliche Aufgabe lösen könne. Dies spricht schön der augustinische Satz aus: Jubes te diligi; da quod jubes, et jube quod vis.

 Wenn die Alten vom höchsten Gut gelehrt haben, ahnend ohne zu wissen, was es sei und wie man in den Besitz desselben komme, so