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nicht erst gefragt. Als es berechtigten Einspruch erhob, kam es zu den ersten schweren Zusammenstößen mit Frankreich in Gestalt der beiden Marokkohändel, über die wir rasch hinweggehen wollen, nämlich der Konferenz von Algesiras, und des Erscheinens des „Eber“ in Agadir.

Diese Marokkowirren bewiesen dem Sehenden deutlich, daß Frankreich, gestützt auf die neue Freundschaft mit England und auf das schon seit 1890 bestehende Bündnis mit Rußland, Arm in Arm mit diesen beiden Weltmächten sich nun stark genug fühlte, zu seiner alten und unverbrüchlichen Politik der Feindschaft auf Tod und Leben gegen Deutschland zurückzukehren.

Trotzdem gab es bei uns vor dem Kriege so manchen, der nicht mehr recht an den Revanchegedanken und Blutkoller jenseits der Vogesen glauben wollte. Diese Wohlmeinenden wähnten infolge des seit 1871 nun schon fast 50 Jahre dauernden Friedens, Frankreich habe seine Natur geändert. Es habe sich in sein Schicksal gefunden, nicht mehr über rauchende deutsche Dörfer und über Hügel deutscher Leichen an der Spitze der sogenannten Zivilisation zu marschieren. Es sei nun ungefährlich und halb schon auf dem Wege, ein ganz netter Nachbar zu werden.

Diese Anschauung, die glücklicherweise von unseren verantwortlichen hohen Befehls- und Reichsstellen niemals geteilt wurde, entsprang zwei Friedensirrtümern - einmal der Überschätzung Frankreichs als Kulturstaat und andererseits der Unterschätzung Frankreichs als eines in Entartung begriffenen Landes.

Die Überschätzung Frankreichs ist eine uralte deutsche Erbsünde. Sie hatte noch im 18. Jahrhundert, als noch ein Friedrich der Große sich mit Vorliebe der französischen Sprache bediente, eine gewisse Berechtigung. Sie war schon im 19. Jahrhundert ein Unsinn und ein Unfug, nachdem unsere Heere dreimal siegreich in Paris eingezogen waren und Deutschland auf allen Gebieten des geistigen und Wirtschaftslebens Frankreich weit hinter sich ließ. Sie muß im 20. Jahrhundert und durch diesen Krieg bis auf den letzten Rest verschwinden. Das sind wir der deutschen Würde, dem deutschen Heer, dem deutschen Volk, der deutschen Zukunft schuldig.

Diese geistige Überschätzung spiegelte uns im Frieden ein täuschendes Frankreich vor mit den Überresten einer an sich vielleicht für manchen reizvollen, aber längst verstaubten und verknöcherten Kultur – einer Kultur, die zudem gar nichts mit deutscher Art gemein hatte. Diese Friedensüberschätzung französischer Kultur zeigte uns den lieben Nachbar nicht mehr als den Mordbrenner von Heidelberg, sondern

Empfohlene Zitierweise:
Rudolph Stratz: Frankreich (Vortrag von Rudolph Stratz). Kriegs-Presse-Amt, Berlin 1917, Seite 7. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Frankreich.pdf/7&oldid=- (Version vom 1.8.2018)