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Ministern, Deputierten, Finanzmännern, Großjournalisten, politischen Agenten und Abenteurern Hals über Kopf in wirrer Flucht davon und wählte sich wieder, wie 1870, Bordeaux zum Aufenthalt.

Damit sind wir in der französischen Provinz und abermals in dem Zwiespalt französischen Lebens, zwischen erstickender Enge und Ausschweifung in jedem Sinn, dem Zwiespalt zwischen der Hauptstadt und dem Land. Diese französischen Provinzstädte haben etwas Trostloses in ihrer Totenstille, ihrem Staub über allen Dingen, ihrer Rückständihkeit, ihrer Abgeschlossenheit gegen das draußen brausende Leben der Zeit. Sie leben aus zweiter Hand. Sie empfangen, wie der Mond sein Licht von der Erde, ihr Licht von dem fernen Paris, der Stadt der Städte, dem leuchtenden Wunder, zu dem es die hoffnungsvolle Jugend des Landes zieht, um dort das Glück zu erjagen, wie das ruhebedürftige Alter – beim Franzosen beginnt es oft schon mit 50 Jahren –, das dort seinen Lebensabend in Frieden beschließen möchte. „Diese guten Leute aus der Provinz“, nennt der Pariser mitleidig die 38 Millionen seiner Landsleute, die nicht das Glück haben, in dem Mittelpunkt der Welt, an der Seine zu wohnen. Er weiß, daß das Leben in der Provinz immer eine Art Verbannung von Paris bedeutet, ein Dasein zweiten Ranges, eine Ungerechtigkeit des Schicksals. Nirgends zeigt sich der Unterschied deutschen und französischen Wesens so deutlich wie in dieser Stellung der Mittel- und kleinen Städte zum Ganzen. Welche Fülle von Licht und Leben strömt überall bei uns von den einzelnen Städten aus, bereichert ringsum das Land, durchsetzt ganz Deutschland gleichmäßig mit Bildung und Wissen. Was liegt für uns in den Namen Weimar oder Bayreuth, welcher Zauber in Alt-Heidelberg, der feinen? Unsere stolzen Hansestädte bilden eigene Staaten. Jede unserer Großstädte ist wie eine Hochburg deutschen Geistes für sich und trägt solch ehrende Bezeichnung, ob wir nun von München als Isar-Athen oder von Dresden als Elb-Florenz sprechen, von Straßburg der wunderschönen Stadt, von Königsberg als der Stadt der reinen Vernunft, vom goldenen Mainz, vom alten heiligen Köln, ob wir sagen: „Mein Leipzig lob’ ich mir“, oder mit dem Lokaldichter fragen: „Wie kann nur ein Mensch nicht aus Frankfurt sein?“ – Überall der unerschöpfliche Born deutschen Lebens! Und dagegen Frankreich: Es ist immer dasselbe eintönige verschlafene Bild, ob wir nun das jetzt in deutschen Händen befindliche Lille sehen, oder Rouen, die Hauptstadt der Normandie, oder Orléans, oder das alte südfranzösische Toulouse, oder einmal betrachten, wie trübselig Tarascon, die Heimat des berühmten Tartarin, in Wirklichkeit ausschaut.

Empfohlene Zitierweise:
Rudolph Stratz: Frankreich (Vortrag von Rudolph Stratz). Kriegs-Presse-Amt, Berlin 1917, Seite 15. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Frankreich.pdf/15&oldid=- (Version vom 6.5.2018)