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Nichts stammend in das Nichts zurückgehen. So erschoß sich der General Boulanger schließlich auf dem Grab seiner Geliebten. So wurde Gambetta, das Urbild dieser Demagogen, von seiner Geliebten ermordet.

Das Werkzeug dieser Machtjäger, die meist schon als Jünglinge von skrupellosem Ehrgeiz getrieben in Paris zusammenströmen, ist die Feder und die Zunge. Die Feder im Dienst der schon geschilderten, durch und durch vor Fäulnis stinkenden Presse, deren freche Hochburg der Zeitungspalast des „Matin“ auf den Boulevards ist. Die Zunge im Dienst der öffentlichen Beredsamkeit, deren Wert in Westeuropa so maßlos überschätzt wird, und als deren Ahnherr und Stammvater wir den genialisch-sittenlosen Grafen Mirabeau, den flammenden Redner der großen französischen Revolution, betrachten können.

Beredsamkeit bringt in Frankreich den Beifall der Volksversammlungen. Der Beifall der Volksversammlung bringt das Deputiertenmandat. Das Deputiertenmandat bringt das Ministerportefeuille. Im Ministerportefeuille ruhen die Geschicke des Volkes. Öffentliche Redner von Haus aus und Beruf sind vor allem überall die Rechtsanwälte. Sie haben dadurch einen Vorsprung vor allen Nebenbuhlern. Und nun begreifen wir, warum es gerade ein Haufen bluttriefender Advokaten in Rom, Paris und London ist, der die Schrecken dieses Krieges über die Menschheit brachte: Sonnino[WS 1] in Italien, Lloyd[1] George[WS 2] und Asquith[WS 3] in England, Delcassé[WS 4], Poincaré[WS 5] und viele andere in Frankreich.

Der Rechtsanwalt ist von Berufs wegen gewohnt, schallende, im Ohr der Richter nachhallende Sprachwendungen zu schmieden. Aus der Herrschaft der Advokaten in Paris verstehen wir nun den uns sonst wie aus einem Narrenhaus heraus anwidernden verlogenen Phrasenschwulst der dortigen Männer der Öffentlichkeit. Wenn dort ein Haufen eben aus Afrika angekommener, uniformierter schwarzer Menschenfresser grinsend unter Trommelklang mit ihrer Fahne durch die Straßen zieht, so wischt sich der Minister eine Träne der Rührung aus dem Auge und wirft sich in die Brust: „Meine Herren – wir verneigen uns vor dem heiligen Banner der Zivilisation, in dessen reine Falten die Zauberworte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit eingestickt sind!“ – Und niemand lacht dabei.

Nochmals, es gibt in Frankreich nicht, wie in anderen Ländern, eine verantwartliche Oberschicht mit einem Gleichmaß überkommener Pflichten und Rechte. Es gibt nur den Zufall der Macht und des Geldes. Wer die Macht hat, dem gehört Paris. Wer das Geld hat, der gehört zur Pariser Gesellschaft. Beides fließen in einem faulen Sumpf ineinander,


  1. Vorlage: Llod
  1. w:Sidney Sonnino
  2. w:David Lloyd George
  3. w:Herbert Henry Asquith
  4. w:Théophile Delcassé
  5. w:Raymond Poincaré
Empfohlene Zitierweise:
Rudolph Stratz: Frankreich (Vortrag von Rudolph Stratz). Kriegs-Presse-Amt, Berlin 1917, Seite 13. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Frankreich.pdf/13&oldid=- (Version vom 1.8.2018)