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an diesen ekelhaften Entartungserscheinungen nicht vorübergehen. Sie gehören zum Ganzen, aber sie sind nicht das Ganze. Das französische Volk im großen ist nicht so entartet wie die Fäulnisschicht von Paris. So haben denn auch die Franzosen als unsere Gegner im Felde trotz aller anwidernden Züge von Grausamkeit, Roheit und Schmutz doch die alten gallischen Eigenschaften von Tapferkeit und Vaterlandsliebe in keiner Weise vermissen lassen.

Zwischen dieser Überschätzung und dieser Unterschätzung müssen wir nun das Bild des wirklichen Frankreichs suchen. Das eigentliche Frankreich von heute, unser Todfeind der Gegenwart, ist 100 Jahre alt. Es stammt als Körper wie als Geist aus der großen französischen Revolution und dem Kriegsglanz der napoleonischen Kaiserzeit.

Die große Revolution brachte den Bürgerstand an die Spitze des bis dahin von Adel und Geistlichkeit beherrschten Staates.

Die napoleonischen Kriege und Siege wiederum machten den Soldaten zum ersten Mann Frankreichs. Zwischen diesen beiden Polen, zwischen Bürger und Soldat, zwischen Krieg und Frieden, zwischen Demokratie und Säbelherrschaft, hat sich das Frankreich des 19. Jahrhunderts ununterbrochen bewegt. Man vergleiche etwa den prunkenden napoleonischen Reitermarschall Murat und als Gegenstück den bedächtigen Bürgerkönig Louis Philippe mit seinem berühmten Regenschirm.

Das französische Bürgertum, der dritte Stand, der in der großen Revolution durch die Erklärung der Menschenrechte zur Herrschaft kam, hat diese Herrschaft bis jetzt bewahrt. Frankreich im Frieden ist sozusagen das Land des Mittelstands, des Bürgers. Und zwar – das wollen wir betonen – auch mit vielen Vorzügen, die den Bürger zieren. Niemand kann dem französischen Handwerker Fleiß und Geschicklichkeit absprechen. Der französische Geschäftsmann ist nüchtern, sparsam, ein guter Familienvater. Besonders aber ist es die Frau des mittleren Bürgerstandes, die auf jeden Kenner Frankreichs einen guten Eindruck machen muß. Sie ist nicht nur im Haushalt emsig tätig, sondern findet daneben Zeit, ihrem Mann im Geschäft zur Hand zu gehen, ja, ihn oft, an der Kasse thronend und alles leitend, völlig zu ersetzen. Dabei ist sie meist heiter und umgänglichen Wesens, wie denn überhaupt der Franzose dieser mittleren Schichten Frankreichs keine hohen Ansprüche an das Leben stellt, aber dafür das, was ihm beschieden ist, behaglich genießt – die gallische Heiterkeit, auf die er stolz ist.

Diesem lichten Bild steht die Engherzigkeit gegenüber, mit der diese herrschende Mittelstandsklasse Frankreich ausschließlich

Empfohlene Zitierweise:
Rudolph Stratz: Frankreich (Vortrag von Rudolph Stratz). Kriegs-Presse-Amt, Berlin 1917, Seite 10. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Frankreich.pdf/10&oldid=- (Version vom 2.8.2018)