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Die Seelenburg

durch alle Wohnungen und Kräfte der Seele, bis es sich auch über den Leib ausbreitet. Deshalb sagte ich, die geistigen Süßigkeiten fangen in Gott an und endigen in uns, indem in Wahrheit der ganze äußere Mensch sie genießt…“[1] Sie kommen aus „einer verborgenen Tiefe“, aus dem „Mittelpunkt der Seele“[2]. „Sie spürt… einen gewissen Wohlgeruch, als wäre in jener inneren Tiefe ein Feuerbecken, worauf man wohlriechendes Räucherwerk gestreut. Zwar ist weder das Feuer noch die Stätte sichtbar, wo es brennt; aber die Wärme und der liebliche Geruch durchdringen die ganze Seele …“[3]

Dabei sind Wärme und Wohlgeruch nur Bilder für „etwas viel Feineres“. „Auch ist dies nicht etwas, das man sich einbilden könnte; denn durch alle möglichen Anstrengungen könnten wir so etwas nicht in uns bewirken, und eben daraus ersieht man, daß diese Münze nicht aus unserem Metall, sondern aus dem reinsten Gold der göttlichen Weisheit geprägt ist. In diesem Zustand sind meines Erachtens die Seelenkräfte noch nicht (mit Gott) vereinigt, sondern nur vertieft (in ihn) und wie verwundert über das, was sie gewahren“[4].

Die Vorbereitung auf das Gebet der Ruhe ist eine Sammlung, die mir auch schon übernatürlich zu sein scheint; denn sie tritt ein, auch ohne daß man dunkle Orte aufzusuchen oder die Augen zu schließen oder sonst sich äußerlich darum zu bemühen braucht, obwohl sich dabei die Augen von selbst schließen und der Seele die Einsamkeit erwünscht ist…“; „…die Sinne und die äußeren Dinge scheinen mehr und mehr ihr Recht zu verlieren, weil die Seele das ihrige, welches sie verloren hatte, mehr und mehr wiedergewinnt. Man sagt, die Seele gehe in sich selbst ein oder sie erhebe sich über sich selbst“[5]. Die Sinne und Kräfte der Seele, „die Bewohner dieser Burg hatten sich daraus entfernt und waren zu einem fremden, dem Wohl der Burg feindlichen Volk übergegangen.

Es vergehen Tage und Jahre, da endlich sehen sie ihr Verderben ein und nähern sich wieder der Burg, ohne es jedoch fertigzubringen, in das Innere derselben zurückzukehren; denn sind sie auch keine Verräter mehr und schweifen sie nur noch um die Burg herum, so ist doch diese Gewohnheit des Herumschweifens schwer zu überwinden.


  1. a.a.O. S. 78.
  2. a.a.O. S. 79.
  3. a.a.O. S. 80.
  4. a.a.O. S. 84.
  5. a.a.O. S. 84.
Empfohlene Zitierweise:
Edith Stein: Die Seelenburg. Editions Nauwelaerts, Louvain 1962, Seite 44. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Edith_Stein_-_Welt_und_Person.pdf/44&oldid=- (Version vom 31.7.2018)