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I.
BESINNUNG

Es ist eine leider unbestreitbare Tatsache, daß unsere hochgeschätzte europäische Kultur und Ueberkultur in den wenigen Kriegswochen jäh zusammengebrochen ist. So jäh sind alle Werte umgewertet worden, daß es komisch berühren müßte, wenn die Umstände nicht so tragisch wären, daß der Sinn für Tragikomik sich schamhaft verbergen muß. Wie reizvoll müßten sonst die Gegensätze zwischen lebenslang hochgehaltener Theorie und spontaner Praxis wirken, die uns der Tag in so charakteristischen Beispielen offenbart: die national und chauvinistisch gewordene Internationale; die freisinnige Presse, die ihren Lesern, nicht bloß als Kuriosa, abergläubische Weissagungen auftischt; das humane Publikum, das beim Untergang des „Titanic“ wochenlang nicht aus dem Gruseln hinauskam und heute ohne Hintergedanken an das Einzelschicksal der viel zahlreichern Opfer, der Vernichtung von englischen Kriegsschiffen zujubelt; der milde deutsche Oberlehrer, der jüngst noch keinen Käfer absichtlich zertrat und mit der angezogenen Uniform zum Berserker ward; der Bischof, der als freiwilliger Kombattant in das Heer der glaubenslosen Republik tritt!

Es klingt heute nach neun Kriegswochen schon fast wie eine atavistische Regung, wenn man über einige Beschädigung historischer Kulturdenkmäler lamentiert, wo man doch kein Wort des Verständnisses findet für die unersetzlichen Verluste an lebendigen, wirkenden und entwicklungsfähigen Kulturwerten, jugendfrischer Menschheitsblüte, die vielleicht bestimmt war, der

Empfohlene Zitierweise:
Robert Durrer: Kriegsbetrachtungen. Rascher & Cie., Zürich 1915, Seite 4. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DurrerKriegsbetrachtungen.pdf/6&oldid=- (Version vom 31.7.2018)