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ganz anders liegen, mißlungen ist. Die bisherigen fünfmonatlichen Kampfergebnisse sind wahrlich nicht dazu angetan, auch einem politisch unreifern, weniger praktisch und real denkenden Volke den sichern Wert des Friedens zu verleiden. Italien wird voraussichtlich durch seine neutrale Stellung mehr profitieren, als wenn es seine Jugendblüte auf die Schlachtbank führt, was ihm jeder humane Friedensfreund von Herzen gönnen wird. Wir Schweizer schauen getrost in Gegenwart und Zukunft. Wir fühlen uns völlig sicher unter dem Schutze unserer wackern Grenzwehr, doppelt sicher im Hinblicke auf die Ereignisse in Belgien und Serbien, welche die Lehre geben, daß kleine freiheitsstolze Völker auch heute noch nicht zu verachtende Gegner sind.

Die Welt darf über die Neutralen wahrlich froh sein. Sie sind heute – wo der Kriegskoller die unschätzbarsten Denkmäler der Vergangenheit vernichtet, die simpelsten Sätze der Logik aus den Gehirnen der berühmtesten Philosophen verscheucht, Götter, die geschaffen und angebetet wurden, entthront und verbrennt, verehrte Namen aus Ehrenlisten streicht, gefeierte Kunstwerke plötzlich entwertet und aus den Sammlungen hinauswirft – in diesem allgemeinen Tohuwabohu die Bewahrer kultureller Tradition. Alle Kultur beruht auf internationaler Befruchtung, seit prähistorischen Zeiten. Die germanische Kultur, welche Deutschlands Feinde boshaft und übertrieben, aber nicht ohne einen Schein von innerer Berechtigung, als barbarie instruite deklarieren, kann ebensowenig einseitig eine Weltmission erfüllen als die alten, an Inzucht und Alterszersetzung leidenden lateinischen Kulturen. Rein nationale Kultur hat nur folkloristischen Wert. Nun haben sich die intellektuellen Führer der „Kultur“-Staaten solche Sottisen gemacht, ihre Verbindungen so schroff abgebrochen, daß es wahrlich uns Neutrale brauchen wird, um die alten Bande wieder zu knüpfen. Ich nehme das wenigstens zur Ehre der Beteiligten an.

Empfohlene Zitierweise:
Robert Durrer: Kriegsbetrachtungen. Rascher & Cie., Zürich 1915, Seite 34. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DurrerKriegsbetrachtungen.pdf/36&oldid=- (Version vom 31.7.2018)