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kann sich nur mit dem alten historischen Standpunkt der englischen Festlandspolitik decken, der freilich heute von den englischen Führern verlassen scheint, aber durch den gesunden politischen Sinn des englischen Volkes bei den Friedensverhandlungen sicher wieder bezogen wird: Aufrechterhaltung des europäischen Gleichgewichtes, Verhinderung jeder überwiegenden Großmachtstellung. Alte deutsche Kaiserherrlichkeit wie fränkische Weltvormacht brächten uns naturgemäß in die Situationen, aus denen wir uns im Verlaufe unserer sechshundertjährigen Geschichte freigemacht.

Ich stehe hier auf dem Standpunkt des kleinen Engelbergertales, das 1815 die Abhängigkeit vom entfernten Obwalden einem Anschluß an das benachbarte Nidwalden, der Assimilierung bedeutet hätte, vorzog. Lieber die Weltvormacht des freiheitlichen England, das zu ferne ist, um unsere Selbständigkeit zu bedrohen, als die Gefahr, vom Nachbarn aufgesogen zu werden. Das ist Realpolitik, aber ich betrachte den Vorwurf eines Realpolitikers gegenüber der asthmatischen Sentimentalpolitik als ein Kompliment. Und diese Realpolitik ist ja rein platonische Wunschpolitik.

Selbst in dem möglichen Falle, daß der Friede in Bern geschlossen wird, können wir nicht erwarten, positive Interessen geltend machen zu können. Wir haben zwar vor hundert Jahren in ganz ähnlicher Situation unser Gebiet durch Wallis, Genf, Neuenburg und den Berner Jura vergrößert und hätten die natürliche Abrundung noch besser vollenden können, wenn unsere Magistraten weitsichtiger und gegen Titel und Orden unempfänglicher gewesen wären. Heute belohnt man Neutralität nicht mehr, ihre Respektierung gilt als genügender Lohn, und die ausschlaggebende Volksmeinung steht auf dem Standpunkt, „wer nicht für uns, ist gegen uns“. Zwar ist zu Ausbruch des Krieges die Versuchung genaht und hat von Norden her flüsternd uns Hochsavoyen oder wenigstens dessen neutralisierte

Empfohlene Zitierweise:
Robert Durrer: Kriegsbetrachtungen. Rascher & Cie., Zürich 1915, Seite 30. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DurrerKriegsbetrachtungen.pdf/32&oldid=- (Version vom 31.7.2018)