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Unsere ältesten, treuesten Gäste, die Entdecker unserer alpinen Schönheiten, die Pioniere des Bergsports und die Begründer unserer meisten Fremdenzentren sind die Engländer. Vergessen wir das nicht leichtsinnig in kindlichem Zorne gegen vermeintliche politische „Perfidie", deren Beweise von gegnerischer Seite kommen und hauptsächlich deshalb beweiskräftig scheinen, weil sie in unserer Sprache vorgebracht werden. Wenn aber alles so wäre, so ist es an sich unlogisch, moralische Entrüstung auf die Politik anzuwenden. Erfolgreiche Politik war von jeher amoralisch, wenn [WS 1] nicht unmoralisch. Schon der heilige Augustin hat das in der skeptischen Frage ausgesprochen: Quid est civitas nisi magna societas latronum? Ist nicht (jeder) Staat eine große Räuberbande? Und das französische Sprichwort sagt: En guerre où est le profit, n'est point la honte. Wollten wir unsere politischen Sympathien nach dem Katechismus abwägen, könnten wir allen Nationen, auch uns selber, ein nur beschränktes Maß von Achtung entgegenbringen. Ist beispielsweise etwa die preußische Großmacht vom großen Friedrich und seinen Nachfahren nach den Regeln von Treu und Glauben geschaffen worden? War nicht der Ausgangspunkt der Wiedererweckung des neuen deutschen Reiches eine „korrigierte“ Depesche? Ist etwa die Geschichte Frankreichs moralischer; die Politik der österreichischen Länderheiraten von unserm republikanischen Standpunkt aus besonders erhebend? Können wir Schweizer den Treubruch bei der Eroberung des Aargau und des Thurgau nach den Regeln schlichter Moral beschönigen? England kämpft in einem allgemeinen Interessenkrieg mit den gleichen Mitteln der Notwehr wie seine Gegner um sein Interesse, nicht bloß um die Geschäftsinteressen, wie man sagt, sondern um die Meerherrschaft, die seine Existenz als Großmacht bedingt. Es ist das seine nationale Pflicht, wie es unsere nationale Pflicht ist, nicht die „gerechten Kammacher“ zu spielen und in unangebrachter Entrüstung unsere eigenen Interessen

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: wen
Empfohlene Zitierweise:
Robert Durrer: Kriegsbetrachtungen. Rascher & Cie., Zürich 1915, Seite 27. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DurrerKriegsbetrachtungen.pdf/29&oldid=- (Version vom 31.7.2018)