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und falsch zusammengeflickt weiter geboten. Die Geschichte von dem angeblichen Zwischenfall zwischen dem englischen Gesandten und unserem Bundespräsidenten wird einst, wenn man die historische Wahrheit rücksichtslos enthüllen darf, ein interessantes Beispiel liefern zur Naturgeschichte solcher Legendenbildung.

Vielerorts in den Kriegslagern möchte man weiter gehen und uns auch das ruhige Wort abschneiden. Ein alter deutscher Freund, den ich gegen den Kriegskoller immun wähnte, schrieb mir jüngst: „Ich halte Neutralität höchstens politisch für möglich; persönliche Neutralität ist Schwindel oder Selbsttäuschung. Daher hat der neutrale Privatmann nichts Besseres zu tun, als zu schweigen. Vorerst haben nur die Kämpfenden das Wort.“ Er spricht damit eine verbreitete Auffassung aus. Aber gerade sie zeigt, daß die Neutralen nicht bloß das Recht, sondern die Pflicht haben, sich zu äußern. Nur von ihrer Seite sind noch abklärende Worte möglich, Mahnungen gegen die aller Logik spottende Befangenheit, welche auch die Besten und Klügsten der streitenden Nationen umnebelt, und deren Folgen gefährlicher sind als jeder Schrecken der Gegenwart. Wie ein wohlwollender Dritter im verbissenen Privatstreite seiner Nachbarn, die er kennt und achtet, das richtigere Urteil über die Sachlage hat als die durch den Prozeß verblendeten und durch die Advokaten verführten Parteien, so dürfen auch wir unbefangene Neutrale, die um das Schicksal lieber Freunde in allen Reihen bangen und trauern, für uns das Vorrecht des klaren Urteils in Anspruch nehmen. Eine Frage soll zwar aus unserer Diskussion ausgeschlossen bleiben, die Schuldfrage. Der Handels- und Gewerksmann, dessen Geschäfte brach liegen, der Wehrmann, der sich auf der Grenzwache nach heim sehnt, das ganze Volk bis auf den Philister, der sich heute nicht mehr harmlos freuen kann, „wenn hinten weit in der Türkei die Völker aufeinander schlagen“, sondern die Not der Zeit mitspürt, alle haben das begreifliche

Empfohlene Zitierweise:
Robert Durrer: Kriegsbetrachtungen. Rascher & Cie., Zürich 1915, Seite 24. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DurrerKriegsbetrachtungen.pdf/26&oldid=- (Version vom 31.7.2018)