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zu tragen haben. So sieht man sie neugierig am Bazar und in den Markthallen herumstehen, die eine Hand ängstlich und nachdenklich an den Mund, die andere an diesen unsauberen Korb gelegt, in dem sie bald gedörrten Dünger heiliger Kühe, bald saftige Bananen oder wohlriechende Ananas in die Hinduhäuser schleppen. Eine nicht minder häufige Bazar- und Straßenerscheinung ist der Pani-Wala[WS 1], der Wasserträger. Gleich den Kulis tragen auch die Wasserträger rote Turbantücher und eine rote Schärpe um die Hüfte, diese jedoch nur dann, wenn das Wasser in ihren Schläuchen auch von dem orthodoxesten Hindu als „religiös rein“ gebraucht werden kann, was sonstige Reinheit nicht immer einschließt. Fast an jedem Brunnen findet man einen Wasserträger mit dem Füllen seines Lederbeutels beschäftigt, dessen Mundloch er mit der Linken zusammendrückt, worauf er, um die staubige Straßenstelle zu besprengen, durch Nachlassen des Fingerdruckes das Wasser brausenartig ausströmen läßt. Aus seinem Käppchen und seinen genähten Beinkleidern ersehen wir sofort, daß er ein Muselmann ist, während seine brahminischen Kollegen schon äußerlich durch gewickelten Turban und ungenähte, nur durch ein um die Hüften geschlungenes Stück Leinwand gebildete Beinbekleidung kenntlich sind. Selbstverständlich tragen letztere ihr Wasser auch nicht wie der schnöde Moslem in Haut, die einem heiligen Rindvieh über die Ohren gezogen wurde, sondern in Ziegen- oder Schafsbälgen; geschähe es aber doch einmal — etwa aushilfsweise — so würden sie diese entsetzliche religiöse Verunreinigung ihren brahminischen Landsleuten sofort durch schleuniges Ablegen der genannten roten Schärpe kenntlich machen. Inzwischen sind wir, nachdem wir unseren Standpunkt am Leinwandmarkt verlassen haben, in die Memon Street[WS 2]gelangt und gehen an einer langen Mauer fort, hinter der wir plötzlich durch ein geöffnetes Tor die Wasserfläche des Momba Devi-Teiches[WS 3] schimmern sehen, zu dem von allen vier Seiten Stufen hinunterführen; auf diesen steigen brahminische Hindus, mit ihren Gewändern angetan, in das mißfarbige Naß hinunter, um dann ihres Weges weiter zu gehen. Die von den Hindus gewöhnlich Mombay oder Bambeh, im Sanskrit Mahi Ma[WS 4] genannte Göttin hat auch der Insel, auf der die Stadt Bombay erbaut ist, den Namen gegeben, keineswegs die portugiesische Bezeichnung Bon Bahia, „guter Hafen“. Allerdings suchten bereits im Mittelalter die kleinen Küstenfahrer diese mächtige Seebucht auf, die alle Flotten der Welt aufnehmen könnte und von den Engländern durch zahllose versteckte Batterien und zwei Monitors mit Panzerdrehtürmen fast uneinnehmbar gemacht worden ist. Daß dann der Hafen nebst dem kleinen, inzwischen zu einer Weltstadt von größerem Umfange als London herangewachsenen Fischerdörfchen Bombay im Jahre 1661 seitens der Portugiesen, die es schon länger als 100 Jahre besaßen, als Mitgift der Prinzessin Katharina von Braganza dem König Karl von England[WS 5] geschenkt und von diesem an die Ostindische Handelskompagnie abgetreten wurde, ist bekannt, weniger aber die Tatsache, daß der Handelsumsatz Bombays die Höhe von 1½ Milliarden[WS 6] jährlich erreicht hat, seitdem durch den Ausbau des indischen Eisenbahnnetzes Bombay zum Hauptausfuhrhafen Indiens gemacht wurde.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. WS: Pani-Wala: Pani: Hindi für Wasser. Vergleiche Wallah (Indien)
  2. WS: Memon Street: Sheikh Memon St.
  3. WS: Momba Devi-Teich: vergleiche Mumba Devi Temple (en)
  4. WS: Mahi Ma: vergleiche Mahadevi (en)
  5. WS: Katharina von Braganza, Karl von England: vergleiche Katharina von Braganza, Karl II. (England)
  6. WS: entspräche 2018 zwischen 10 und 145 Milliarden € (es ist unklar, ob Boeck hier mit Reichsmark oder Britischem Pfund rechnete)
Empfohlene Zitierweise:
Kurt Boeck: Durch Indien ins verschlossene Land Nepal. Ferdinand Hirt & Sohn, Leipzig 1903, Seite 123. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Durch_Indien_ins_verschlossene_Land_Nepal.pdf/171&oldid=- (Version vom 1.7.2018)