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Speicher und mittelst einer Hühnerstiege auf dies Dach zu klettern; von hier können wir das Bazargetümmel ungestört betrachten.

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Vor der Dschuma-Moschee in Bombay.

Man hascht förmlich nach ruhigen Punkten inmitten der allgemeinen Bewegung. Die auf dem Bilde neben dem Brunnenrohr mit ihren Babies niederkauernde Frau scheint sich z. B. wenig darum zu kümmern, daß sie sich inmitten des Bazarverkehrs auf die Erde gesetzt hat, wo jeden Augenblick ein Trupp Büffel oder ein Ochsenkarren ihre dort spielenden Kinder zerquetschen kann, zu denen ein anderes Hinduweib hinunter blickt, das ihrer Mutterpflicht nachkommt und ihrem Säugling die nährende Mutterbrust darbietet. In Indien werden bis zum Abschluß des dritten Lebensjahres alle Kinder als Säuglinge betrachtet, wobei sie rittlings in der Hüfte getragen werden, was viel weniger lästig als das Halten im Arme zu sein scheint. Ist dann das Söhnlein entwöhnt, so wird es möglichst bald, aber ohne gefragt zu werden, unlösbar verlobt und in einem Alter, in dem bei uns die Jünglinge schüchtern und heimlich die ersten verhängnisvollen Züge aus der Zigarre zu naschen beginnen, mit der ihm ausgesuchten Lebensgefährtin vermählt! Erst in neuester Zeit ist von der Regierung hierfür ein Mindestalter von 18 Jahren festgesetzt worden.

Doch nicht in ein eigenes Heim führt ein junger Gatte die ihm durch solchen Brahmanen- und Elternbeschluß zugeteilte Ehehälfte, nein, die ganze Familie bleibt hübsch beieinander. Hat ein Elternpaar sieben Söhne, so drängen sich in dem Hinduhause neben den Großeltern und Geschwistern der Eltern dann schließlich sieben Schwiegertöchter mit ihrer gesamten Nachkommenschaft zusammen!

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Kurt Boeck: Durch Indien ins verschlossene Land Nepal. Ferdinand Hirt & Sohn, Leipzig 1903, Seite 120. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Durch_Indien_ins_verschlossene_Land_Nepal.pdf/168&oldid=- (Version vom 1.7.2018)