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Indes sie gegen mich zu Heuchlern würden,

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Mir hündisch schmeichelnd ohne Unterlass.

Wie dringt mich’s oft, den Bessern anzusprechen,
Dem die Vergangenheit und Gegenwart
Mit spitzem Stachel in die Seele stechen;
Doch muss ich lieblos scheinen, kalt und hart.

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Nur wenn die Stunde kommt für Den und Jenen,

Wo ich ihm’s endlich künden kann: Zieh’ fort!
Dann darf das langverschlossne Herz sich dehnen
Und überquellen warm im Freundeswort.
Ich geb’ ihm, was er sich erwarb durch Jahre,

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Und geb’ ihm Liebe, die er lang entbehrt;

Mich zwingt nichts mehr, dass ich mit Worten spare,
Ich sag’ ihm’s: Du warst gut und bist mir wert!
Da seh’ ich ihn froh zitternd vor mir stehen,
Wie mir die Augen feucht, die Pulse glühn:

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Leb’ wohl! Was hinter dir, lass untergehen,

Und mög’ ein neues Dasein dir erblühn!«


Stephan Milow.




Das Elend.

Und als kein Geld mehr war im Schrein,
Trat rasch das blasse Elend ein
Und hockte lauernd voller Gier
Sich auf die Dielen nah’ der Tür.

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Da sagt der kranke Mann zum Sohn:

„Geh, Franz, und jag’ das Ding davon!“
Das Elend aber kichernd spricht:
„Schlag immer zu, mich triffst du nicht!“

Und als der Knabe ihm gedroht,

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Nahm es ihm fort das letzte Brot;

Er schrie vor Hunger auf im Schmerz,
Da griff das Elend ihm ans Herz.
Die Mutter ruft der Mann voll Graus:
„Versuch’s, treib du das Ding hinaus!“

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Das Elend aber kichernd spricht:

„Schlag immer zu, mich triffst du nicht!“

Und als das Weib dem Elend nah,
Sie vor dem Haus das Wasser sah;
Das Elend bot ihr Strick und Stein

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Und wies den Weg ihr: „Da hinein!“
Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die zehnte Muse. Otto Elsner, Berlin 1904, Seite 287. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_zehnte_Muse_(Maximilian_Bern).djvu/293&oldid=3575912 (Version vom 16.11.2019)