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Liste.png Gottfried Keller: Kleider machen Leute. In: Die Leute von Seldwyla, 2. vermehrte Auflage, Band 3

fühllos schien. Alles andere vergessend rüttelte sie den Aermsten und rief ihm seinen Taufnamen in’s Ohr: Wenzel! Wenzel! Umsonst, er rührte sich nicht, sondern athmete nur schwach und traurig. Da fiel sie über ihn her, fuhr mit der Hand über sein Gesicht, und gab ihm in der Beängstigung Nasenstüber auf die erbleichte Nasenspitze. Dann nahm sie, hiedurch auf einen guten Gedanken gebracht, Hände voll Schnee und rieb ihm die Nase und das Gesicht und auch die Finger tüchtig, soviel sie vermochte und bis sich der glücklich Unglückliche erholte, erwachte und langsam seine Gestalt in die Höhe richtete.

Er blickte um sich und sah die Retterin vor sich stehen. Sie hatte den Schleier zurückgeschlagen; Wenzel erkannte jeden Zug in ihrem weißen Gesicht, das ihn ansah mit großen Augen.

Er stürzte vor ihr nieder, küßte den Saum ihres Mantels und rief: Verzeih’ mir! Verzeih’ mir!

„Komm, fremder Mensch! sagte sie mit unterdrückter zitternder Stimme, ich werde mit Dir sprechen und Dich fortschaffen!“

Sie winkte ihm, in den Schlitten zu steigen, was er folgsam that; sie gab ihm Mütze und Handschuh, eben so unwillkürlich, wie sie dieselbe mitgenommen hatte, ergriff Zügel und Peitsche und fuhr vorwärts.

Jenseits des Waldes, unfern der Straße, lag

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Gottfried Keller: Kleider machen Leute. In: Die Leute von Seldwyla, 2. vermehrte Auflage, Band 3. Göschen, Stuttgart 1874, Seite 64. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Leute_von_Seldwyla_3-4.pdf/72&oldid=3299693 (Version vom 31.7.2018)