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Liste.png Verschiedene: Die Grenzboten (1841/1842), 1. Jahrgang, Band 1

Der breite, blutigwunde Rücken gibt frischen Narben keinen Raum,
Es dringet durch der Wächter Zanken der Sklaven banges Stöhnen kaum.
Von all' den Mohren schreitet einer nur ungebeugt und stolz einher,
Es mißt sein Blick, der finst're, tiefe, das rothbestrahlte, weite Meer.
In Abendgluthen heißer lodert der ungelöschten Rache Wuth:
„Ha! wären doch des Meeres Wogen nur Blut! verhaßter Weißen Blut!“
In seiner Brust geheimsten Tiefen verbergend scheu der Worte Laut,
Atar Gull aus den wilden Augen scheinbar gelassen vor sich schaut.

3.

Hart dünket Euch des Elephanten scharf zugespitzter weißer Zahn,
Wenn er durch's Mark der Riesenpalme laut tobend bricht die weite Bahn.
Noch härter, glaubt Ihr, sey die feste, thränengewasch’ne Kerkerwand,
An der vergebens pocht und rüttelt die Todesangst mit blut'ger Hand.
Am härtsten, wähnt Ihr, sey des Henkers erprobter, wohlgeschliffner Stahl,
Der seit Jahrhunderten gewöhnte an Todesangst, an Todesqual.
Was härter ist, will ich Euch lehren, härter als starkes Elfenbein,
Härter als eines Henkers Eisen, härter als kalteer Mauerstein.
Es ist, in Neger Blut gehärtet, ummauert gegen fremden Schmerz,
Nicht fühlend des Gewissens Bisse, des rohen Pflanzers hartes Herz.
Nach dieses Wüthrichs rauhem Sinne der Sklaven Hauptverbrechen war:
Nach langen Diensten Altersschwäche, der Schnee in dem gerollten Haar.
Als Atar Gull am frühen Morgen einst zu der harten Arbeit ging,
Sah er entsetzt, wie an dem Galgen sein armer alter Vater hing.

4.

Wer jagt durch Sturm und Wetterleuchten, wer knirscht und heult zur Nacht empor,
Ausrufend, alle Nachegeister? Atar Gull ist’s, der wilde Mohr.
Er eilt zum Grabe seines Vaters, das er mit eigner, rascher Hand
Bereitet, als er von dem Galgen den heißgeliebten Alten band.
Wie ein gereizter Tiger wüthet, so wirft er sich zu Boden schnell,
In seinen blihdurchzuckten Augen ist längst versiegt der Thränen Quell.
Er flucht der Welt, die ihn geboren zu solcher Knechtschaft herber Pein,
Es trifft sein Zahn die Muttererde, vor Wuth beißt er in Sand und Stein,
„Ich höre, großer Fetisch, lange schon deiner Donner dumpf Geröll,
Es treffe den verhaßten Pflanzer dein wohlverdienter, blut'ger Groll.
O Herr der Geister, großer Fetisch! Gib mir ein sich'res Zeichen an,
Wie ich zu Ende fuhren möge der heißersehnten Rache Plan!“ — —
Da zogen zwei gewalt'ge Schlangen aus naher Felsen dunkler Kluft,
Und wandelt ihre bunten Leiber hellschillernd um des Alten Gruft.

5.

Was rauschte drüben im Gebüsche wohl über Blatt und Dorn so schnell,
So rasch sich windend, wie vom Berge herniederstürzt der Felsenquell?
Den starken Todfeind ferne witternd, scheu blickend in die Lust empor.
Stürzt flüchtig sich der Schlangen eine nach ihrer Höhle Rettungsthor.
Hoch oben in den Morgenlüften die weiten Kreise zieht eilt Aar,
Längst auf die gift'ge Beute spähend mit stechend scharfem Augenpaar.

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Grenzboten (1841/1842), 1. Jahrgang, Band 1. Herbig, Leipzig 1841, Seite 79. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Grenzboten_1-1841.pdf/88&oldid=- (Version vom 19.8.2020)