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des Literaturstaates durch List und Drohung, durch Schmeichelei und Schrecken, an sich zu ziehen. Es war ein großes, monarchisches Talent, dieser Gottsched; wären auf dem deutschen Kaiserthrone mehr Männer seines Gleichen gesessen, so stünde es jetzt anders um Deutschlands Einheit. Wahrlich, Frankreich sollte dankbarer gegen seinen Ludwig den Eilften sein, und Deutschland gerechter gegen seinen Gottsched. Das literarische Leipzig dankt letzterem einzig und allein seine Entstehung, er machte es zu einem kleinen Paris für unsere Literatur, d. h. zu einem Mittelpunkte und Centralplatze, ohne welchen man sich die glorreiche Umwälzung unserer literarischen Verfassung kaum denken kann.

Vergessen wir nicht, daß nicht nur die große Revolution unserer Literatur im vorigen Jahrhundert, sondern daß auch die kleine, mißglückte Wiederholung derselben, welche das junge Deutschland in den dreißiger Jahren machte, gleichfalls zunächst von hier ausging. Die Zeitung für die elegante Welt begann den Kampf, und riß das Straßenpflaster auf, die ästhetischen Feldzüge, und die Gutzkow’schen Schwertstreiche folgten. Im Grunde ist es unserem jungen Deutschland nicht schlimmer gegangen, als der Julirevolution überhaupt. Die Dynastie Menzel wurde glücklich gestürzt, aber die angekündigte Geistesfreiheit ist auf den alten Weg wieder zurückgekehrt. Die Ursache ist nicht weit zu suchen. Es hat in Deutschland nie an feurigen, reformlustigen Talenten gefehlt, und nicht immer lag es an ihnen, wenn die Folge dem Anfange nicht entsprach. In dem Gedränge der Leipziger Literaten trägt manches Herz den Keim der Zukunft in sich verschlossen, und wenn es wahr ist, daß man in Berlin mit einer Aenderung der Preßgesetze sich beschäftigt, und wenn diese Aenderung früher oder später über ganz Deutschland sich erstreckt, dann würde die Bedeutung Leipzigs erst ins volle Licht treten. Jetzt zerarbeitet es sich in ohnmächtigen Versuchen. Auch hierin erinnert es in etwas an Paris. Der Fremde, der die Pariser Straßen durchstreift, und die ungeheure Bewegung an allen Enden, die Zusammenrottungen aus den öffentlichen Plätzen, die ernsten Gesichter der Börsenspeculanten, beobachtet, der legt sich Abends mit dem Gedanken nieder: morgen geschieht ein entscheidender Schlag, morgen blitzt es in dieser schwülen Luft. Aber das Morgen verfließt, wie das Heute. Und in Leipzig? Wer das Gedränge dieser Literaturmasse erschaut, die ernsten Gesichter der Buchhändler, die Discussionen an allen Enden, der denkt sicher: morgen donnert es, morgen bricht eine entscheidende Literaturrevolution aus – aber es sind lauter ruhige Bürger, und vor der Hand ist nichts zu fürchten.



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verschiedene: Die Grenzboten, 1. Jahrgang. Herbig, Leipzig 1841, Seite 29. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Grenzboten_1-1841.pdf/38&oldid=- (Version vom 31.7.2018)