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Liste.png Verschiedene: Die Grenzboten (1841/1842), 1. Jahrgang, Band 1

weiß Jederman. Man braucht also mit Widerlegung derselben keine Zeit zu verlieren, aber um mich von dieser Lectüre zu erholen, welche, so heilsam sie auch ist, doch ermüdet und Eckel erregt, so will ich auf alle die wahren großen Begebenheiten zurückblicken, durch welche seit dieser Zeit, Frankreich das mächtigste und glücklichste Land der Erde geworden ist.

Du hast nicht vergessen, lieber Leser, daß Paris in den drei Tagen, nach der Publication der berüchtigt gewordenen Ordonanzen, einen merkwürdigen Anblick darbot. Man hätte glauben sollen, ein Erdbeben habe Alles darunter und darüber geworfen. Das Pflaster war aufgerissen, Schutthaufen sperrten den freien Durchgang, Blut war geflossen, der Pallast des Königs verlassen und das Volk, über seinen Sieg erschreckt blickte, schüchtern um sich. Da sah man den Herzog von Mortemart heransprengen, der verkündete den Widerruf der Ordonanzen, die Zusammenberufung der Kammern, die Abdankung Karls X. und des Herzogs von Angoulème zu Gunsten des Herzogs von Bordeaux und die Ernennung des Herzogs von Orleans zum General-Lieutenant des Königreichs. Damals sprach auch Laffayette, der diesmal nicht seinen Schimmel bestiegen hatte, das herrliche Wort aus, das ihm so viel Ehre machte: "Es ist niemals zu spät." [1]

Am folgenden Tage waren die Deputirten, wie durch einen Zauberschlag vereinigt und erklärten alsbald auf den Vorschlag des Herrn Laffitte und Casimir Perier, daß sie bei der Wichtigkeit der obwaltenden Verhältnisse ihre Aufträge für ungenügend hielten, sie appellirten an die Nation und luden den Generallieutenant des Königreichs ein, eine allgemeine Nationalversammlung zu berufen, und der Herzog von Orleans that dieß eben so schnell als freudig.

Jeder der soviel Steuern zahlte, als sein fünftägiger Arbeitslohn betrug, sollte in seiner Gemeinde Wahlmänner bezeichnen, welche sich acht Tage später in den Hauptstädten der Bezirke zur Deputirtenwahl vereinigen sollten. Dieß geschah in der größten Ordnung, und die aus 918 Deputirten bestehende Versammlung, deren Mitglieder alle mit speciellen Aufträgen versehen waren, hielt am 25sten August, dem Namenstage Ludwig des Heiligen, ihre erste Sitzung. In der Wahl dieses Tages lag eine feine und bedeutsame Aufmerksamkeit des Herrn Herzogs von Orleans.

Jederman erinnert sich noch der feierlichen Sitzung, wo die Versammlung Heinrich V. zum König von Frankreich ausrief, und die Großjährigkeit in sein 15tes Lebensjahr setzte. Sie übergab inzwischen die Zügel der Regierung

dem Herrn Herzog von Orleans, und jedermann bewunderte die hohe Weisheit,


  1. Bekanntlich sagte er das Gegentheil. A. d. R.
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Verschiedene: Die Grenzboten (1841/1842), 1. Jahrgang, Band 1. Herbig, Leipzig 1841, Seite 188. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Grenzboten_1-1841.pdf/197&oldid=- (Version vom 31.7.2018)