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verschiedene: Die Gartenlaube (1899)


Blätter und Blüten.



Die Bismarck-Feuersäule. (Zu dem Bilde S. 325.) Der flammenden Begeisterung der deutschen Universitätsjugend für das Vaterland und den Mann, der es einte und groß machte, für Otto von Bismarck, hat die Nation es zu danken, wenn in kommenden Jahrzehnten und in ferne Zukunft hinein alljährlich die Feuerzeichen auf den Bergen unseres Vaterlandes gen Himmel leuchten werden, um das Gedenken an eine große, gewaltige Zeit wachzurufen und wachzuhalten.

In der Bonner Studentenschaft ward der schöne Gedanke geboren, und der Bildhauer Chr. Lehr der Jüngere in Aachen machte den Vorschlag, durch das ganze Reich schlichte Gedenksteine von gleicher Form aus dauerndem Material zu errichten, „von deren Spitzen an dem geplanten Denktage mächtige Feuerflammen weithin durch die Nacht lodern sollten, dem dahingeschiedenen Altreichskanzler zu ehrendem Gedächtnis“.

Der warmherzige Aufruf der Bonner Studentenschaft, von dem wir unseren Lesern auf Seite 66 dieses Jahrganges Kenntnis gaben, zündete sowohl in den Mitgliedschaften der Hochschulen als in weiten Kreisen des Volkes; die Mittel für ein Preisausschreiben zur Bismarck-Säule flassen dem Komitee reichlich zu, ein Preisgericht aus den hervorragendsten Architekten Deutschlands war bald zusammengesetzt und hatte in kurzem über 320 Bewerbungen mit mehr als 1000 Blatt Zeichnungen zu entscheiden.

In den altehrwürdigen Räumen der Wartburg fiel am 22. April die Entscheidung in dieser wohl einzig in Bezug auf die Menge der Eingänge als die Güte der meisten Entwürfe dastehenden Konkurrenz. Merkwürdig war es, daß alle drei Preise den drei Entwürfen eines einzigen Künstlers, des Architekten Kreis in Dresden, zuerkannt wurden. Der Kreis’sche erste Entwurf, den wir unsern Lesern auf Seite 325 vorführen, ist ein einfacher, würdiger monumentaler Aufbau von quadratischem Querschnitt, an den Kanten flankiert von vier Säulen, der einen Architrav trägt, in dem sich der Feuerbehälter befindet. Er genügt dem Anspruch auf eigenartige und wuchtige Form, sowie der Bedingung billiger Herstellung und der möglichen Anpassung an gegebene örtliche Verhältnisse.

In den Räumen zwischen zwei Säulen läßt sich Inschrift, Wappen oder Bildnis anbringen. Das Feuer erhält, wie der Künstler uns selber schreibt, seinen Platz in einer Aushöhlung des oberen Steines. Diese Mulde hat einen Asbestbelag uns nimmt einen Kessel auf, in dem das Feuer brennt. Das Material zur Feuerung wird durch einen Flaschenzug emporgewunden, den oben ein Mann von einer rückseitigen Oeffnung aus lenkt. Der Turm ist darum innen ersteigbar und hat auf der Rückseite einen Eingang, doch ist die Benutzung als Aussichtsturm, weil dem Zwecke des Denkzeichens widersprechend, ausgeschlossen. Vor dem Turm liegt eine große Steinplatte, auf welcher nach dem Festzuge die Fackeln zusammengeworfen werden, durch deren Glut der Bau selber seine stimmungsvolle nächtliche Beleuchtung erhält. In Friedrichsruh und Straßburg will die deutsche Studentenschaft die ersten Bismarck-Säulen nach diesem Entwurf errichten. Wo eine deutsche Hochschule ihren Sitz hat, sollen solche Säulen erstehen, und am 21. Juni – dem Bismarck-Gedenktage der Studenten, da diese der Ferienverhältnisse wegen den 1. April nicht wählen konnten – werden in Zukunft die Feuerzeichen weithin leuchten in die Lande. Aber auch in den Kreisen des Bürgertums hat der Gedanke dieser Ehrung Bismarcks weit und breit Wurzel geschlagen, und nicht lange wird es währen, bis jede bedeutendere deutsche Landmarke die Bismarck-Säule auf ihrem Gipfel trägt.

Lotsenfamilie.
Nach dem Gemälde von F. Fleury.

Lotsenfamilie. (Mit Abbildung.) Ein Stück Nordseeküste, von der stillen Flut bespült, auf welcher Fischerboote lustig kreuzen; am Strand spielen die Kinder eines Lotsen, der draußen auf hoher See seinem Berufe nachgeht. Das kräftige Mädel schlägt gerade vor, den Holzschuh als Schiff auszurüsten, der klug blickende Junge bedenkt sich die Sache noch. Dahinter, das Kleinste auf dem Arme, sitzt die schöne junge Mutter mit dem gelassenen Gesichtsausdruck einer echten Schifferfrau. Sie alle hat der Maler im Bild festgehalten und damit seinen braven Lotsen, der ihn oft hinaus in das Meer fuhr, wohl hoch beglückt. Aber auch andere werden diese einfach gesunden Menschengesichter auf dem Hintergrund des leuchtenden Meeresspiegels mit Vergnügen betrachten.

Ein Jugendbildnis Alexander von Humboldts. (Zu dem Bilde S. 329.) Am 5. Juni werden es hundert Jahre, daß Alexander von Humboldt sich im spanischen Hafen Coruña auf der Fregatte „Pizarro“ einschiffte und jene Forschungsreise nach Südamerika antrat, deren Ergebnisse von epochemachender Bedeutung für die Entwicklung aller Zweige der Naturwissenschaft in unserem Jahrhundert wurden. Der von hohen Zielen in weite Ferne gelockte junge Gelehrte war damals 29 Jahre alt; erst fünf Jahre später kehrte er zurück, nachdem er mit seinem Begleiter, dem französischen Botaniker Bonpland, die Gebiete des Orinoko und des Amazonenstroms durchforscht, den Chimborasso bis zu einer Höhe von 5810 m bestiegen, Peru und Mexiko durchkreuzt hatte. Dem Maler Georg Friedrich Weitsch, der von 1797 bis 1828 Professor der Berliner Kunstakademie war, verdanken wir das Gemälde, welches uns Humboldts Forscherthätigkeit in der Tropenwelt des amerikanischen Südens lebensvoll vergegenwärtigt und das unser Bild auf S. 329 wiedergiebt. Auf einem Felsblock unter dem Schatten von Palmen und im Schutze der Riesenblätter einer gewaltigen Banane sitzend, ist er im Begriff, die botanische Ausbeute eines Streifzugs dem Herbarium einzuverleiben. Sein großer Reisethermometer lehnt hinter ihm. Das Original des Bildes befindet sich in der Berliner Nationalgalerie; es war dort lange Zeit bei Seite gestellt und ist erst in der pietätvollen Neuordnung der Bilder, die der historischen Entwicklung der Kunst nachzugehen sucht, durch Professor von Tschudi wieder zu Ehren gelangt. So kam es, daß dies historisch so merkwürdige und künstlerisch reizvolle Humboldtporträt früher niemals eine Reproduktion erfahren

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verschiedene: Die Gartenlaube (1899). Ernst Keil's Nachfolger, Leipzig 1899, Seite 353. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1899)_0353.jpg&oldid=- (Version vom 4.12.2020)