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Die Gartenlaube.

Beilage zu No. 21. 1896.



Die Krönungsburg der Zaren. Zu großartigen Festtagen werden sich die letzten Tage des Monats Mai für die alte Zarenstadt Moskau gestalten; denn in der alten Burg, dem Kreml, der mit seinen vielen Türmen und Kuppeln das Häusermeer der Stadt überragt, wird am 23. Mai die feierliche Krönung des Zaren Nikolaus II. und der Zarin Alexandra stattfinden. Auf einem etwa 40 m hohen Hügel am Ufer der Moskwa gelegen, birgt der Kreml eine große Anzahl geschichtlich denkwürdiger, reich ausgestatteter Bauten. Ja, er ist mehr als eine Burg; eine Wunderstadt kann man ihn nennen, in der die Pracht des Ostens und Westens, asiatische und europäische Kunst sich die Hände gereicht haben, um etwas ganz Eigenartiges und Großartiges zu schaffen. Eine 2 km lange, 20 m hohe, mit 18 Türmen und 5 Thoren versehene Mauer umgibt im Fünfeck diese Stadt von Kirchen, Klöstern und Palästen. Unsere Abbildung zeigt den Kreml von Südosten, vom Moskwaflusse aus gesehen. In der Mitte ragt über alle Kuppeln der Glockenturm „Iwan Welikij“ (der große Iwan) hervor. Im Jahre 1600 erbaut und 82 m hoch, enthält er in 5 Stockwerken 34 Glocken, deren eine gegen 7000 Pud (etwa 1100 Zentner) wiegt. Am Fuße dieses Turmes steht die bei einem Absturz vom Gerüste beschädigte Riesenglocke „Zar-Kolokol“, deren Gewicht auf 4320 Zentner geschätzt wird. Links hinter dem „Iwan Welikij“ schaut die Mariä-Himmelfahrt-Kathedrale hervor. Den viereckigen Bau schmückt eine große, 42 m hohe Kuppel, die von vier kleineren umgeben ist. Ein italienischer Baumeister, Fioraventi aus Bologna, hat gegen das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts diesen Prachtbau aufgeführt. Sein reich mit Gold und Edelsteinen geschmücktes Innere birgt das berühmte wunderthätige Muttergottesbild, das laut der Sage vom heiligen Lukas gemalt wurde. In dieser Kathedrale fand am 3. Februar 1498 die erste Fürstenkrönung statt, die Rußland überhaupt gesehen hat. Damals ließ der Großfürst Iwan III. seinen Enkel Demetrius krönen, indem er dadurch kundbar machte, daß er ihn zu seinem Nachfolger ernenne. Am 16. Januar 1547 fand die zweite Krönung statt. Iwan IV., der später den Zarentitel annahm, ließ sich hier die Krone aufs Haupt drücken. Seitdem wurden alle Kaiser und Kaiserinnen Rußlands in derselben Kirche und nach demselben Zeremoniell gekrönt.

Der Kreml in Moskau.

Weiter links von der Mariä-Himmelfahrt-Kathedrale sehen wir die Kathedrale zu Mariä Verkündigung und die des Erzengels Michael. Die letztere, die Archangelskij-Kathedrale, wurde schon im Jahre 1333 gegründet und 1505 bis 1509 von dem Mailänder Alefisio Novi umgebaut. In ihr ruhen die Gebeine der russischen Großfürsten und Zaren von Iwan IV. bis zu Peter dem Großen. Weiter links von diesen Kirchen erstreckt sich der riesige kaiserliche Palast nebst der Schatzkammer mit ihren unermeßlichen Reichtümern. Rechts vom Turme des „Iwan Welikij“ auf unserem Bilde wendet sich die Ringmauer des Kreml gegen Norden. Wir sehen hinter ihr eine Reihe von Palästen und Klöstern und zuletzt den hohen Turm des Erlöserthores, durch welches das russische Kaiserpaar seinen Einzug in den Kreml halten wird. An der äußeren rechten Seite des Bildes steht inmitten der Häuser, die nicht mehr zum Kreml gehören, die Kathedrale Wassilij Blashennij, eine der merkwürdigsten Kirchen Moskaus.

Für die Krönungsfeierlichkeiten sind die ehrwürdigen Bauten des Kreml erneuert worden. Man hat eine großartige Illumination der Zarenburg vermittelst elektrischen Lichtes vorbereitet, und in ein Meer von Licht gehüllt, wird sie am Krönungstage des jungen Zaren in noch nie gesehenem Glanze gleich einer Märchenburg erstrahlen.

Dr. Ferdinand Goetz.

Dr. Ferdinand Goetz in Leipzig-Lindenau, der Vorsitzende der Deutschen Turnerschaft, begeht am 24. Mai seinen 70. Geburtstag. Nur wenige Männer haben sich um das deutsche Vereinsturnwesen so hervorragende Verdienste erworben wie der trotz seiner hohen Jahre noch rüstig schaffende Lindenauer Arzt. Am 24. Mai 1826 in Leipzig geboren, wandte er sich im Jahre 1845 dem Turnen zu und blieb ihm treu bis auf den heutigen Tag. Am 1. Juli 1858 übernahm er die Redaktion der „Deutschen Turnzeitung“ und führte dieselbe bis zum Jahre 1864. Mit dieser Thätigkeit verknüpfte er die Verwaltung des Archivs der Deutschen Turnerschaft, die ihn im Jahre 1860 zu ihrem Geschäftsführer und vor Jahresfrist zu ihrem Vorsitzenden wählte. Ueber fünfzig Jahre hat somit Dr. Goetz der Turnkunst mit Leib und Seele gedient; er förderte dieselbe mit Rede, Schrift und That, und verstand es, dem Idealen praktischen Boden zu bereiten. Im Verein mit seinem treuen Freund Georgii gelang es ihm, das gewaltige Werk der Organisation der deutschen Turnerschaft zu vollbringen und das Ansehen der deutschen Turnkunst wirksam zu fördern. W. M.     

Nikrischs Notenklemmer. Seit einiger Zeit ist in Musikalienhandlungen ein kleines Instrument zu haben, das zum Festhalten bez. Einklemmen einzelner loser Notenblätter und -Bogen dient und dem musizierenden Publikum sehr willkommen sein wird. Die Benutzung des Instrumentes, das von B. Nikrisch erfunden wurde, ist sehr einfach. Man schiebt die am oberen Ende des Notenklemmers befindliche Drahtnase herunter, dann hebt sich die Nadel selbstthätig von ihrer Unterlage ab. Nun legt man das Musikstück auseinandergeschlagen mit dem Knick unter die Nadel, drückt diese wieder an und schiebt sie hoch.

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verschiedene: Die Gartenlaube (1896). Ernst Keil's Nachfolger, Leipzig 1896, Seite 356a. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1896)_0356_a.jpg&oldid=- (Version vom 13.7.2023)