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Verschiedene: Die Gartenlaube (1889)


Ein nützliches Geburtstagsgeschenk.

Hygienische Plauderei von C. Falkenhorst.

Vor einiger Zeit mußte ich zu meiner Cousine, um ihrem Aeltesten, einem reizenden Buben von fünf Jahren, zu seinem Geburtstag zu gratuliren. Außer der „Eisenbahn“, die ich dem zukünftigen Techniker längst versprochen hatte, nahm ich auch eine „Düte“ mit, denn der Junge hatte prächtige Zähne, die wie Elfenbein zwischen den rothen Lippen hervorschauten.

Als ich in dem Geburtstagshause saß und ein Stück der unvermeidlichen Torte verzehren mußte, klingelte es an der Flurthür und das Dienstmädchen brachte ein Packet, welches der Postbote für den Kleinen abgegeben hatte. Obwohl es an Fränzchen adressirt war, öffneten wir selbst es und außer der Hauptsache, einer prachtvollen „Arche Noah“, fand die Mutter darin noch – – eine Zahnbürste!

Ich sah es meiner Cousine an, daß sie durch dieses Geschenk nicht gerade angenehm berührt wurde.

„Aber das ist doch eine sonderbare Art, uns an Reinlichkeitspflichten zu erinnern,“ sprach sie sichtlich verletzt, „was will nur der Onkel? Soll ich etwa schon jetzt Fränzchen die Zähne bürsten? … Und dieser Brief! Nein, ich habe wahrlich keine Zeit, ihn zu lesen!“

Ich aber nahm den Brief, las ihn mit Interesse, vergaß die Torte darüber und sagte: „natürlich, liebe Muhme, Du hast jetzt keine Zeit, ihn zu lesen. Schenk mir ihn, ich schicke ihn Dir gedruckt wieder.“

„Thue damit, was Du willst!“ lautete die Antwort, und da ich nun Eigenthümer des Briefes geworden bin und auch von dem Briefschreiber das Recht der Veröffentlichung erworben habe, so lasse ich ihn drucken zu Nutz und Frommen der Kinderwelt, zur Mahnung an die Mütter.

Der Brief lautet:

„Liebe Rosa! Außer der Arche Noah, in der so viele schreckliche Thiere enthalten sind, in welcher der Esel beinahe größer ist als der Elefant und das Kameel ebenso hoch wie das Pferd, außer dieser Arche, welche Fränzchen durchaus haben wollte, lege ich noch eine Kleinigkeit bei, welche ihm große Dienste erweisen und für die er mir danken wird in späteren Lebensjahren, wenn Du so verständig sein wirst, mein Geschenk anzunehmen und zu benutzen.

Als ich vor vierzehn Tagen bei Euch auf Besuch war, da habe ich bemerkt, daß sich an den blendend weißen Zähnen Deines Fränzchens ein grünlicher Belag zu bilden anfängt. Ich sah mir genau an, wie Du den Jungen abends zu Bett brachtest, nicht einmal, sondern wiederholt, und mußte bemerken, daß Deine mütterliche Liebe und Sorgfalt eines vergessen hat. Fränzchens Zähne.

Du bist wahrscheinlicherweise der Meinung, daß die Milchzähne der Kinder keiner besonderen Pflege bedürfen, da sie ja einmal ausfallen müssen. Das ist ein sehr bedauerlicher Irrthum. Die Milchzähne müssen gut erhalten werden, wenn später das Gebiß, das uns dauernd im Leben zu dienen bestimmt ist, gut wachsen soll.

Pessimisten haben zwar behauptet, daß die Menschheit ein besonderes Entwickelungsstadium durchmache und daß nach etwa dreitausend Jahren der Mensch zu haarlosen und zahnlosen Geschöpfen zählen werde, aber ich bin kein Pessimist und meine, man sollte durch richtige Pflege des Körpers alle derartigen Prophezeiungen Lügen strafen.

Ich glaube auch, daß die Zahnmisere der Menschheit vor allen. dem Umstande zuzuschreiben ist, daß wir unsere Zähne nicht richtig pflegen oder mit der Pflege derselben zu spät beginnen. Jüngst habe ich auch gelesen, daß es wünschenswerth wäre, die Zähne der Kinder mindestens zweimal im Jahre durch einen tüchtigen Zahnarzt untersuchen zu lassen. Der Rath ist wohlgemeint, aber ich versetzte mich dabei in die Wartezimmer unserer berühmten Dentisten und – ich mußte bedenklich den Kopf schütteln, denn, ganz abgesehen davon, daß bei vielen denn doch auch die Kostenfrage in Betracht kommt, die Herren Zahnärzte haben jüngst auf ihrem Kongreß selbst es ausgesprochen, daß im Deutschen Reich ein großer Mangel an Fachgenossen bestehen es sollen uns noch etwa fünfzehnhundert Zahnärzte fehlen. Ehe nun diese fehlenden fünfzehnhundert ihre Studien vollendet haben, werden gewiß noch Jahre vergehen, und so lange können wir nicht warten; wir müssen also zur Selbsthilfe greifen und selbst Mittel anwenden, unseren Kindern gesunde Zähne zu erhalten.

Ein solches Mittel habe ich Dir als Geburtstagsgeschenk für Fränzchen übermittelt. Merke, was ich Dir sage.

Unreinlichkeit ist der größte Feind unserer Zähne und es ist die Pflicht der Mutter, ihr Kind auch nach dieser Richtung hin an Reinlichkeit zu gewöhnen.

Die Zahnbürste gehört zu der Toilette des Kindes ebenso gut wie der Kamm, und je früher man das Kind anhält, seine Zähne rein zu erhalten, desto besser ist es. Jung gewohnt ist alt gethan, sagt ein altes Sprichwort, und das Kind, welches frühzeitig den Gebrauch der Zahnbürste gelernt hat, wird ihn im späteren Leben ebenso wenig unterlassen wie das Waschen der Hände und des Gesichtes.

Aber man muß die Zahnbürste auch richtig gebrauchen. Fahre Du mit derselben nicht quer in den Mund hinein, wie das andere thun denn Du wirst dabei alles das, was Du wegputzen willst, in die Zwischenräume der Zähne drangen und dabei vielleicht mehr Unheil anrichten, als wenn du die Zähne gar nicht geputzt hättest.

Die einzig richtige Art der Zahnreinigung ist, nach der Aussage einer Autorität, die, daß man die Bürste in der Richtung der Zähne selbst bewegt und zwar vom Zahnfleisch nach den Kauflächen hin. Man muß also nicht von rechts nach links im Munde herumfahren, sondern die oberen Zähne in der Richtung von oben nach unten und die unteren von unten nach oben bürsten.

Es ist allerdings etwas umständlicher, aber es ist eben einzig richtig.

Ich hoffe, liebe Rosa, daß Du von nun an allabendlich und jeden Morgen die Zahnbürste bei Fränzchen anwenden werdest. Dein Kind, der Junge, wird Dir später Dank dafür wissen, wenn andere die wüthendsten Zahnschmerzen zu ertragen haben und qualvolle Tage verbringen, während er noch in hohen Jahren, an der Grenze des Greisenalters, lustig Nüsse mit den Zähnen knacken wird.

Und vergiß ja nicht, dasselbe bei deinen Mädchen zu thun … Doch daran brauche ich Dich wohl nicht zu erinnern: die Mütter haben ja alle die sonderbare Ansicht, daß Zähne und Haare bei den Mädchen wichtiger sind als bei den Knaben.“ – –

Was da weiter in dem Briefe steht, das sind Anspielungen auf familiäre Zahnverhältnisse, welche für die Oeffentlichkeit nicht geeignet sind. Ich glaube aber, das Vorgehen des alten Onkels ist nachahmenswerth.




Blätter und Blüthen.

Das Erdprofil. Französische Gelehrte haben beschlossen, auf der diesjährigen „Weltausstellung“ in Paris einen Riesenglobus auszustellen, dessen Umfang 40 Meter und dessen Durchmesser 12,73 Meter betragen würde. In 24 Stunden soll sich dieser Globus einmal um seine Achse drehen. Ein solcher Globus, auf dem die Strecke von einem Millimeter einem Kilometer aus der Erde entspricht und auf dem Paris einen Fleck von etwa 1 qcm einnehmen würde, kann in der That in einzelnen Theilen eine richtige Anschauung von dem Relief der Erde geben, dem neugierigen Besucher deutlich vor Augen führen, wie winzig die höchsten Bergerhöhungen und die tiefsten Tiefen der Oceane im Vergleich zu der ganzen Erdmasse sind.

Um sich jedoch diese interessanten Verhältnisse klar zu vergegenwärtigen, braucht man nicht nach Paris zu gehen; in anderer und viel vollkommenerer Weise werden sie uns durch das Werk eines deutschen Forschers veranschaulicht, durch „Das Erdprofil“ von Hauptmann Ferdinand Lingg (Verlag von Pilory und Löhle in München). Wie würde wohl „der Erdapfel“ aussehen, wenn wir einen Schnitt durch denselben machen könnten. Welches Profil würde uns alsdann die Oberfläche der Erde zeigen, wenn wir uns vor die durchschnittene Erdhälfte hinstellten, wie zackig würden die Berge und die Meere erscheinen? Im Geiste können wir dieses Experiment wohl ausführen und den Durchschnitt durch Eintragung von bekannten Thatsachen beleben.

Schematisch sind schon solche Zusammenstellungen oft gegeben worden, und wir bringen in der beifolgenden Abbildung eine solche. In der Mitte der Tafel sehen wir eine Linie, die den Meeresspiegel darstellen soll. Ueber ihr sind, nach den Erdtheilen geordnet, die hervorragendste Berge der Erde eingetragen in dunkel schraffirten Gruppen. unter „Asien“ finden wir auch den höchsten ständig bewohnten Ort der Erde, Kloster Hánle in Kashmir in 4611 Metern Höhe angedeutet. Ueber dem Atlantischen Ocean schwebt ein Ballonzeichen, es bedeutet die höchste von den Luftschiffern erreichte Höhe. So hoch hat sich Glaisher am 5. September 1862 um 2 Uhr (30 Sekunden) nachmittags verstiegen. Um jene Zeit war es dort über den Wolken recht kalt, denn die Temperatur betrug −241/2° C. und der Luftdruck nur noch 175 mm, voraus die Höhe, bis zu der Glaisher aufgestiegen war, auf 11 272 Meter berechnet wurde. Er hat somit selbst den Adler, den König der Lüfte, und seine gefiederten Verwandten übertroffen, denn man nimmt an, daß der Kondor in den Anden mit 6300 Metern Höhe die Grenze des Vogelzuges erreicht. Hoch über diesen Zeichen sehen wir in der Mitte der Tafel noch eine Linie, welche die untere Grenze des Aufleuchtens der Sternschnuppen bezeichnet.

Unter dem Meeresspiegel zeigt der schraffirte Theil das räthselhafte Innere der Erde. Die dunkle breite Masse bildet nur einen Theil der Erdschale, denn im Vergleich zu den eingetragenen Bergeshöhen etc. ist sie nur 63,7 km tief, beträgt also den hundertsten Theil des Erdradius. Der Leser möge sich noch 199 solche schraffirte Streifen zu dem Bilde hinzudenken, dann wird er die Höhe des Gaurisankar mit dem Durchmesser der Erde vergleichen können.

Auch unter dem Meeresspiegel haben wir einiges eingetragen: zunächst die größten bisher gelotheten Tiefen der Oceane und namentlich die größte bekannte Meerestiefe, die Tuscaroratiefe im Großen Ocean in der Nähe von Japan, die 8513 Meter beträgt; ferner zwei winzige Striche, welche die Grenzen der menschlichen Wühlarbeit bedeuten. es sind dies das tiefste Bohrloch zu Schladebach, dessen Tiefe 1695 Meter[1] beträgt und auf dessen Grunde die Temperatur von 44° C. herrscht, sowie der tiefste Schacht, der etwa 1000 Meter tiefe Adalbertschacht zu Pribram in Böhmen. Noch tiefer

vermag sich unser Geist zu versenken, wir können nach verschiedenartigen


  1. Neuerdings wird diese Tiefe mit 1716 Metern angegeben.
Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1889). Leipzig: Ernst Keil, 1889, Seite 218. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1889)_218.jpg&oldid=- (Version vom 29.3.2020)