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Verschiedene: Die Gartenlaube (1871)

trat rasch an das Kopfende des Bettes, so daß sie mich sehen konnte.

„Trost könnt Ihr mir nicht bringen, die Ihr mich hinausgestoßen habt in die grauenhafte Wüste, wo mir der Sonnenbrand das Gehirn ausgedörrt hat!“ fuhr sie zu dem Geistlichen gewendet fort. „Nicht einen Tropfen kühler Labung habt Ihr mir gereicht auf dem Wege, der nun, wie Ihr predigt, enden soll in die Hölle! … Ihr Unduldsamen, Ihr rühmt Euch, in Demuth vor Gott zu wandeln, und haltet doch jederzeit den Stein in der Hand, ihn auf Euren Nächsten zu werfen, und vermesset Euch, entehrendes Todtengericht zu halten am Grabe der Hingeschiedenen, die bereits vor ihrem Richter stehen! … Ihr falschen Propheten, Ihr rühmt Euch, zu dem Gott der Güte, des unendlichen Erbarmens zu beten, und macht ihn zum Lenker mörderischer Schlachten, zu einem grimmigen und eifrigen Gott, wie das Volk der Hebräer auch, das Ihr das verfluchte nennt! … Vollkommen preist Ihr ihn, und gebt ihm doch alle Gebrechen Eurer sündhaften Menschennatur, Eure Rachsucht, Eure Herrschbegier, Eure kalte Grausamkeit … Euer Mittler hat Euch eine Palme in die Hand gedrückt, Ihr aber macht sie zur Geißel –“

Der Geistliche hob die Hand, als wolle er sie unterbrechen, aber sie fuhr heftiger fort:

„Und mit dieser Geißel habt Ihr mich geschlagen und hinausgehetzt aus Eurem Himmel, da Ihr schwurt: Dein Vater, der Jude, der Dir das Leben gegeben, Deine Mutter, die Jüdin, die Dich genährt, sie sind verflucht bis in alle Ewigkeit! … Mann, mein Vater war der Weisesten Einer. Er hat gesammelt und aufgespeichert in seinem Geiste unermeßliches Wissen – und das sollte nutzlos verkommen in der Hölle, und dem geistig Beschränkten, der nie gedacht und nur geglaubt, würde mühelos das Himmelreich, wo doch dem Forschenden erst recht verheißen ist Wahrheit und Klarheit? … Und mein Vater,“ fuhr sie fort, „hat gebrochen dem Hungrigen sein Brod und dahingegeben, daß die Linke nicht wußte, was die Rechte that. Er hat verabscheut die Sünde der Lüge, des Geizes und des Hochmuths und hat verziehen seinen Beleidigern und nie gerächt, was sie ihm angethan – er hat Gott, seinen Herrn, geliebt von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüthe, und soll doch schmachten in der Hölle bis in alle Ewigkeit, weil das Wasser nicht über seinem Haupt ausgegossen ist? … Wohl, wohl, so will ich dahingehen, wo er ist – Ich gebe Euch Eure Taufe zurück! Behaltet Euren Himmel – Ihr verkauft ihn theuer genug, Ihr Tyrannen im schwarzen Rock!“

Mit dem tiefsten Erbarmen in seinen milden Zügen trat ihr der alte Pfarrer näher; aber da war keine Versöhnung mehr möglich.

„Lassen Sie das – ich bin fertig!“ sagte sie schneidend und kehrte das Gesicht nach der Wand.




6.

Leise, wie er gekommen, verließ der Geistliche das Zimmer. Unwillkürlich folgte ich ihm. So gewiß mich das Gebahren meiner Großmutter überzeugt hatte, daß einst schwere Missethat an ihr verübt worden sei, so schmerzlich leid that mir der alte Mann, der in der Kirche seine Hand segnend auf meine Stirn gelegt hatte. Er war mild und gut, er gehörte nicht zu Denen, die die unglückliche Tochter der Juden in die Nacht des Wahnsinns getrieben; er war willig und unverdrossen durch die Nacht geschritten, der liebevolle Greis, um einer Kranken die Tröstungen der Kirche zu bringen.

„Herr Pfarrer,“ sagte Ilse draußen auf dem Fleet zu ihm, „ihr dürfen Sie das nicht zurechnen, sie hat sich taufen lassen, und der’s gethan hat, war gut und christlich wie Sie, und sie hat ehrlich zu Christo gehalten … Da ist aber Einer gekommen – er mag’s verantworten – und hat geeifert und hat des Verfluchens und Verdammens kein Ende gewußt. Ja, da war das viele Unglück in der Familie immer und immer nur ein Strafgericht des Herrn! Und das hat ihr den Verstand genommen – er mag’s verantworten!“

„Ich rechte nicht mit ihr,“ entgegnete er sanft. „Weiß ich doch leider zu gut, daß falscher Eifer am Weinberg des Herrn viel edle Frucht zerstört! … Die Frau hat viel gelitten – Gott wird barmherzig sein! Mich schmerzt nur, daß ich nicht trösten durfte, wo ich es freudigen Herzens gekonnt hätte. Aber es widerstrebt mir, mit dem unerbetenen Beistand der Kirche auf eine Seele einzustürmen, die ohnehin im schweren Kampfe liegt, im Kampfe mit der Hülle.“ Er strich liebkosend mit der Hand über meinen Scheitel. „Gehe hinein zu ihr, sie wird Dich vermissen! … Ich wollte, ich könnte allen Trost unseres Glaubens auf Deine Lippen legen, auf daß der geängstigten Seele der wahre Friede werde.“

Ich kehrte sofort in das Zimmer zurück, während er ein Glas Wasser trank und dann, ohne zu rasten, den Dierkhof verließ.

„Wo ist das Kind?“ hörte ich die Kranke schon draußen im Gange wiederholt fragen.

„Da bin ich, Großmutter!“ rief ich eintretend und flog auf das Bett zu. Sie war ganz allein. Heinz, den wir bei ihr zurückgelassen, war fortgegangen, ich vermuthete, aus Furcht vor Ilse, da er eigenmächtig den Geistlichen mitgebracht hatte.

„Ach ja, da bist Du, mein kleines, schwarzbraunes Täubchen!“ sagte sie zärtlich und seufzte erleichtert auf. „Ich meinte schon, Du seiest mir nun auch abgewandt und mit ihm hinweggegangen in Haß und Verachtung.“

Ich protestirte. „So darfst Du nicht denken, Großmutter!“ rief ich lebhaft. „Er hat mich zu Dir geschickt und ist unsäglich gut, und ich – ich weiß gar nicht einmal, wie es ist, wenn man haßt und verachtet.“

„Das heißt, Du liebst die ganze Welt,“ sagte sie schwach lächelnd.

„Ach ja, das habe ich Dir ja schon gesagt! Ilse und Heinz, und Spitz und Mieke, und die gute, alle Föhre drüben auf dem Hügel und den blauen Himmel –“

Ich verstummte plötzlich und schämte mich – es war ja nicht wahr, was ich da sagte; diese volle hingebende, friedsame Liebe für die ganze Welt besaß ich gar nicht mehr! Gerade heute war ich ein zorniges, ungeberdiges Geschöpf gewesen – sollte ich ihr das sagen?

Ich saß wieder auf dem Bettrand, und sie hielt in ihrer Rechten meine Hand; die Finger umschlossen sie so fest, als sollte sie nie, nie wieder losgelassen werden – dabei sanken ihr langsam die Lider über die Augen. Sie hatte vorhin so kraftvoll und energisch gesprochen, und ich war so über alle Begriffe unerfahren, daß ich bei diesem Anblick nicht im Entferntesten mehr an Erschöpfung dachte; aber nun legte ich auch meine Linke liebkosend um ihr Handgelenk; ich wußte recht gut, daß da der Lebensstrom in regelmäßigem Tact unaufhörlich klopfen mußte – zu meiner tiefsten Bestürzung wurde mir allmählich klar, daß es unheimlich still unter dieser kalten Haut blieb; nur selten, nach langen, herzbeklemmenden Pausen, schlug es einmal kurz und hart an meine Fingerspitzen.

„Wir sind wie der Thon in der Hand des Töpfers,“ flüsterte sie plötzlich. „Was sind wir, was ist unser Leben, alle unsere Herrlichkeit?“ Sie stöhnte auf. „Aber du bist unser Vater, und wir sind deine Kinder, erbarme dich unser, wie sich ein Vater seiner Kinder erbarmt –“

Sie schwieg wieder; mich aber überfiel eine unbeschreibliche Angst, ich hätte Alles darum gegeben, diese geschlossenen Augen offen zu sehen, und legte leise meine Lippen auf ihre Stirne. Sie fuhr empor, sah mich aber liebevoll und zärtlich an.

„Geh’, rufe mir Ilse!“ sagte sie schwach.

Ich sprang auf, und in demselben Augenblick rasselte zu meiner unaussprechlichen Erleichterung ein Wagen über das Pflaster des Hofes. Gleich darauf trat Ilse in Begleitung eines Herrn in das Zimmer.

„Der Herr Doctor ist da, gnädige Frau!“ sagte sie und ließ den Arzt an das Bett treten.

Das Gesicht meiner Großmutter zeigte sofort wieder einen festen, gespannten Ausdruck. Sie schob dem Arzt die Rechte hin, um sich den Puls untersuchen zu lassen, und sah ihn aufmerksam an.

„Wie viel Zeit geben Sie mir noch?“ fragte sie kurz und bestimmt.

Er schwieg einen Moment betroffen und vermied es, ihrem Blick zu begegnen.

„Wir wollen einen Versuch machen –“ sagte er zögernd.

„Nein, nein, bemühen Sie sich nicht!“ unterbrach sie ihn.

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1871). Leipzig: Ernst Keil, 1871, Seite 562. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1871)_562.jpg&oldid=- (Version vom 1.3.2018)