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Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1863)

Die Echte.
Eine Geschichte aus dem alten Lande.
Von Ernst Willkomm.
1.

Am linken Ufer der Niederelbe, zwischen den schiffbaren Küstenflüssen Este und Schwinge, liegt ein ungewöhnlich fruchtbares Stück Erde, das „alte Land“. Wohlerhaltene, festgebaute Deiche schützen es gegen die häufig wiederkehrenden Sturmfluten der Nordsee, wie gegen Ueberschwemmungen der kleineren, das Land in zahllosen Krümmungen durchschneidenden Flüsse, an denen entlang die Bewohner der großen, volkreichen Dörfer sich angesiedelt haben, die sich in Sprache, Sitte, Gewohnheit, Hauseinrichtung und Beschäftigung von ihren nächsten Nachbarn vielfach unterscheiden.

Schon der Name dieses merkwürdigen, von der Natur reich gesegneten Landstriches zeugt für sein hohes Alter. Aus noch vorhandenen Ueberbleibseln alter Urkunden und aus Bruchstücken längst vergessener Chroniken läßt sich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nachweisen, daß diese fruchtbare Marschgegend des linken Elbbufers schon vor Christi Geburt eingedeicht und bebaut war, während ringsum alles übrige Land noch wüst lag und ein undurchdringliches Chaos von Sumpf, Schilf und Moor bildete.

Stolz auf das hohe Alter ihrer Heimath nennen sich noch heutigen Tages dessen Bewohner „Altenländer“ oder in der überall an der Niederelbe gebräuchlichen plattdeutschen Mundart „Ohllander“, während sie die ihnen zugehörende Erde „dat ohle Land“ heißen.

In den angrenzenden Districten, sowie in ganz Nordwestdeutschland ist der Name „Obst- oder Kirschenland“ für dasselbe noch mehr im Gebrauch, und damit wird zugleich die Erwerbsthätigkeit der Ohllander prägnant bezeichnet. Die langen Dörfer des „alten Landes“ liegen nämlich in einem dichten, unübersehbaren Walde von Obstbäumen, unter denen wieder der Kirschbaum die Hauptrolle spielt. Mit Ausnahme eines nur kleinen Bruchtheiles seiner Bevölkerung lebt jedermann vom Obstbau, indem er nicht nur die größte Sorgfalt auf Pflege und Zucht seiner Pflanzungen verwendet, sondern auch deren reichen Ertrag nah’ und fern, auf dem Festlande wie zur See in eigener Person verhandelt.

Etwa in der Mitte dieses interessanten Ländchens, nahe den Ufern der Lühe, wohnte vor längerer Zeit der Baumhofsbesitzer Osten, ein anerkannt reicher Mann, der nicht allein Eigenthümer eines der größten und ältesten Baumhöfe war, wie man die umfangreichen Obstgärten nennt, sondern auch noch drei schön getheerte, schnell segelnde Ewer besaß, die auf der Lühe an der Grenze seines Hofes vor Anker lagen. In diesen Fahrzeugen pflegte er alljährlich die von ihm erzeugten Früchte, die er nach Hunderten von Centnern zählte, mit Verwandten und Angehörigen zu verschiffen.

Osten selbst segelte gewöhnlich nach Hamburg, wo er alte Verbindungen besaß und stets gute Geschäfte machte. Ein jüngerer Bruder aber, der in früheren Jahren Seemann gewesen war und als solcher mehrere Male beide Indien besucht hatte, unternahm in Begleitung zuverlässiger, mit dem Seewesen ebenfalls vertrauter Landsleute weitere Seereisen nach Holland, England, Dänemark und Rußland. Am liebsten besuchte er, wenn die Obsternte recht gut ausfiel, St. Petersburg, weil er in der großen Residenz des russischen Kaiserreichs stets die einträglichsten Geschäfte machte.

Die Gebrüder Osten, von denen der ältere, Heinz, verheirathet, der frühere Seemann, Jobst, aber noch Hagestolz war und es auch zu bleiben gedachte, lebten in glücklicher Eintracht und bewohnten ein und dasselbe Haus mit einander. Dieses Haus lag hinter dem Deich in fruchtbarster Marsch und bot, von dem Verbindungswege aus gesehen, der auf der Deichhöhe fortlief, zwischen dem Segen der vielen Obstbäume in dem musivischen Ziegelschmuck seiner Wände, die bald verschobene Vierecke, bald andere Figuren, wie der Ohllander sie nun einmal von Alters her liebt und noch jetzt beibehält, einen gar stattlichen Anblick dar, besonders seit er beide Giebelenden mit glänzend gefirnißten neuen Schwanenhälsen hatte versehen lassen, wie sie jedes Haus im alten Lande statt der gekreuzten Pferdeköpfe trägt, die man erst auf der Geest wieder findet.

Heinz Osten hatte sich ungewöhnlich spät verheirathet, d. h. erst in seinem dreißigsten Jahre. Seine Ehe war aber eine glückliche und galt im ganzen Orte für eine musterhafte. Ihr waren innerhalb zehn Jahren zwei Söhne und eine Tochter entsprungen, von denen die Tochter, Dortchen, an ihrem sechszehnten Geburtstage für eins der schönsten Mädchen im ganzen alten Lande gelten konnte.

Man wollte indeß wissen, daß Heinz Osten nicht immer ein so musterhaftes Leben geführt habe, als nach seiner Verheirathung mit der wohlhabenden, jungen und unbescholtenen Tochter eines Seefahrers, der gleich ihm Besitzer eines großen Baumhofes war und sich, als er des Umherschweifens auf dem Meere müde geworden, auf seinem schönen Erbe zur Ruhe gesetzt hatte. Das Sprüchwort „Jugend hat nicht Tugend“ mochte wohl mit einigem Recht auf den älteren Osten angewendet werden können. Heinz persönlich kümmerte sich aber wenig um das Gerede der Leute. Er war nicht allein ein reicher, er war auch, gewisse Kleinigkeiten,

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1863).Leipzig: Ernst Keil, 1863, Seite 561. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1863)_561.jpg&oldid=- (Version vom 7.1.2019)