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verschiedene: Die Gartenlaube (1862)

Gemeinplatz aufmerksam machen, auf das Wörtlein „immer“.

– Immer sei die Geschichte großer Menschen eine Märtyrerlegende! Ich hoffe späterhin die scheinbar unglücklichsten Opfer ihrer großen Gaben in weniger beklagenswerte Menschen verwandeln zu können. Hier sei nur gefragt: Sind die Geschichten der großen Menschen Shakespeare, Klopstock, Goethe, Wieland , Garrik, Talma, Gluck, Haydn – Märtyrerlegenden?

Unmuthige Momente sind Keinem davon in seinem bürgerlichen wie künstlerischen Leben fern geblieben, aber im Ganzen haben sie sich Alle ihres Berufs erfreut, keineswegs für von demselben Gefolterte gehalten und erklärt. Man hat schon hier ein Pröbchen von der Oberflächlichkeit, mit welcher solche Gedanken ausgebrütet, und von der Gedankenlosigkeit, mit der sie dann fort und fort nachgebetet werden! –

„Das Genie darf nicht mit dem gewöhnlichen moralischen Maßstabe gemessen werden.“ Diese Phrase kann man immer in der Unterhaltung hören, wenn von einem lüderlichen Künstler die Rede ist. Als Grund wird dann jedesmal angeführt: „Die Eigenschaften des Genies sind der Art, daß es die moralischen Anforderungen gar nicht erfüllen kann. Ein wahrhaft genialer Künstler ist nicht möglich ohne die glänzendste Einbildungskraft, ohne die reizbarste Empfindung, ohne die feurigsten Triebe. Wie sollte er diese gewaltigen Agentien nur auf seine Kunstleistungen verwenden, für’s übrige Leben aber gleich wieder gezähmt in die Schranken der Moral einpferchen können! Nehmt ihm jene Eigenschaften, und ihr nehmt ihm sein Genie.“

Hiernach also gäbe es eine Classe von Menschen, der man erlauben oder wenigstens nachsehen müßte, was die ganze übrige Menschheit schändet – die Lasterhaftigkeit! Wehe dem Künstler, wenn dieses Raisonnement begründet wäre, wenn Laster und Genie wie Same und Frucht in nothwendiger Wechselwirkung zu einander stehen müßten! Es bedarf aber wahrlich keines besondern Scharfsinns, um diesen dämonischen Trugsatz in seiner ganzen unheilvollen Nichtswürdigkeit zu enthüllen. Fragen wir doch zunächst die Erfahrung. Zeigt sie uns gar keinen Fall des Gegentheils – eines Genies, das sittlich untadelhaft gelebt hätte? Denn wenn es auch nur ein einziges der Art gegeben hat, so ist damit schon unwiderleglich dargethan, daß Unsittlichkeit wohl mit dem Genie verbunden angetroffen wird, aber nicht nothwendig damit verbunden sein muß. Nun, ein solches Beispiel hat es gegeben, und zwar eines der allergrößten, welches jemals die Welt erleuchtet und entzückt hat: Shakespeare! Er besaß alle Eigenschaften des Genies im höchsten Grade, und war doch, wenn die Geschichte nicht lügt, zugleich ein sittlich unbescholtener Mann, ein guter Haushalter, der sich mit seinem rechtschaffen erworbenen Vermögen nach einer wohlvollbrachten Künstlerlaufbahn und von der Achtung seiner Zeitgenossen begleitet in’s Privatleben zurückzog.

Indessen wäre es schlimm, wenn nur dieser einzige Fall als eine edle Ausnahme angeführt werden könnte. Die Möglichkeit des Vereins von Genie und Sittlichkeit ist zwar dadurch bewiesen, aber die Schwierigkeit dieser Vereinigung und damit die Entschuldbarkeit des Gegentheils würde immer zugestanden werden müssen.

Glücklicherweise sind statt eines Beispiels Hunderte zu nennen. Eine zusammengestellte Künstlerstatistik in dieser Beziehung würde uns zeigen, daß die ehrenhaften Künstler bei weitem überwiegen, die unsittlichen dagegen die Minderzahl ausmachen, und unter diesen wieder die meisten ihre großen Gaben wohl angekündigt, aber eben in Folge ihres zügellosen Lebens nicht zur Reife gebracht, vielmehr zu Grunde gerichtet haben. Es liegt hier weder der Raum, noch die Nothwendigkeit vor, diese Behauptungen durch eine zahlreiche Reihe von Beispielen zu erhärten. Einige, die mir in der Geschwindigkeit gerade beifallen, werden genügen. In der Sculptur: Canova, Thorwaldsen, Rauch, Rietschel, in der Dichtkunst: Klopstock, Lessing, Goethe, Schiller Shakespeare, Voltaire, Molière, Racine, Corneille, Victor Hugo etc. Unter den Schauspielern: Garrik, Talma, Schröder, Eckhof; unter den Sängerinnen: die Catalani, Sontag, Lind; unter den Komponisten: Gluck, Haydn, Spohr, C. M. v. Weber, Mendelssohn, Cherubini, Mehul, Boieldieu, Auber und Beethoven, das größte musikalische Genie und der reinste, sittlichste Mensch.

Ich mag nicht behaupten, daß Alle unter den hier Genannten ganz frei von menschlichen Schwächen gewesen. Aber sicher ist keine einzige lüderliche, lasterhafte Person darunter zu nennen.

Denken wir nun aber daran, wie unendlich viele Menschen bodenlos lüderlich sind, ohne das geringste Genie zu besitzen, so muß die Nichtigkeit obiger Phrase Jedermann einleuchten. Wäre sie indessen blos unwahr! Es giebt manchen Wahn, der weiter nichts auf sich hat. Der angeführte hingegen ist einer, der die allerschädlichsten Folgen nach sich zieht, der schon unendlich viele gute Anlagen zerrüttet, viele elende, untergegangene Künstler auf seinem Gewissen hat! Bei der Neigung der Menschen zu vernunftlosen Ausschreitungen, zur Befriedigung ihrer ungeordneten Triebe, ist jede Beschönigung und Entschuldigung derselben, an wie großen Geistern sie sich auch vorfinden, mit wie glänzenden Vorzügen sie auch sonst verbunden sein mögen, eine Sünde gegen die Cultur, gegen den sittlichen Fortschritt der Menschheit.

Wer unter den jungen Künstlern namentlich möchte nicht gern für ein Genie gelten? Wie erwünscht muß allen diesen der Glaube sein, daß der Künstler über die gewöhnlichen Regeln der Moral erhaben sei, sie eben seiner genialen Eigenschaften wegen gar nicht beobachten könne! Die Ausbildung auch eines geringen Talentes bis zu einem gewissen Grade, welche in unserer Zeit durch die vielen großen Muster und die vervollkommnete Pädagogik so mühelos zu erringen ist, verführt die Jugend nur gar zu leicht zu der Einbildung, es läge die Kraft zu dem Höchsten in ihr. Und nun dazu der Glaube, dein Trieb zur ungeregelten Lebensweise ist dir ja Bürge, daß das Genie in dir wohnt! Die Erkenntniß, daß die geträumten Werke des Genies ausbleiben, kommt erst spät, wo sie überhaupt kommt, denn Viele sterben ja mit der bittern Ueberzeugung, daß die Welt sie schändlicher Weise verkannt und vernachlässigt habe. Und wenn auch diese beklagenswerthen Geschöpfe endlich der Glaube an ihr Genie verläßt, die Liederlichkeit bleibt ihnen treu, sie hat sich durch Gewohnheit zur unbesiegbaren dämonischen Herrscherin über ihr Leben gemacht. Kommt mir daher einer mit der Phrase: „Das Genie darf nicht mit dem gewöhnlichen moralischen Maßstabe gemessen werden,“ so antworte ich: „Gewiß nicht mit dem gewöhnlichen, sondern mit einem strengeren.“

Denn wer soll zeigen, daß der Verstand über die rohen Triebe, Begierden, Leidenschaften herrschen muß und kann, wenn nicht die, welche Verstand besitzen? Wird sich aber irgend ein Künstler für verstandeslos halten und erklären? Was dann, wenn er verständig sein will und doch unverständig handelt? Er kann nur sagen: Verstand habe ich, aber als Künstler bin ich nicht verbunden, ihn zu brauchen, oder wenigstens nicht anders, als um meine Schwachheiten oder Schlechtigkeiten sophistisch zu entschuldigen.

Das Thun des Genies hebt sich glänzend aus der Menge hervor; Aller Blicke richten sich darauf. Ist es zuviel gesagt und verlangt, daß ein solch gottbegnadetes Wesen seinen Mitmenschen nicht ein Verführer zum Schlechten sein, sondern als Muster edler Humanität und reiner Sittlichkeit voranleuchten soll?

Von der Hoheit, Würde, Heiligkeit der Kunst strömt der Mund Allen über. Aber die Priester derselben dürften das niedrigste, unwürdigste, heilloseste Leben führen?! –

Dunkle Sehnsucht. „Eine ewige Sehnsucht nach einem unbekannten Etwas lebt in mir, und läßt mein Gemüth nicht zum ruhigen Genuß meines Lebens und meiner Kunst gelangen!“

O, gehabt euch nicht mit diesem unbekannten Etwas! – Der Menschenkenner weiß recht gut, welch ein Wesen das ist. Und ihr selbst könnt es leicht erkennen, wenn ihr den Muth habt, in euer Inneres zu schauen, und rücksichtslose Ehrlichkeit genug, beim rechten Namen zu nennen, was euch da entgegenkommt!

Es ist euer heißes Temperament, oder es sind euere unersättlichen, immer sich neu gebärenden Wünsche nach Genüssen aller Art, die ihr nicht bändigen könnt oder wollt.

Diese Dämonen wählen aber ihre Behausung nicht ausnahmsweise in dem Genie, sie sind in höherer oder geringerer Stärke in allen Menschenclassen vorhanden, mit und ohne Geist. Mitunter ist diese Sehnsucht nach einem unbekannten Etwas nichts Anderes, als der sehr bekannte Trieb, welcher der Charité ihre Gäste zuführt.

Die allermeisten Schwachheiten, Schlechtigkeiten und Verbrechen der Menschen entstehen aus ihren ungezügelten Trieben und Begierden, und Schwachköpfe nur lassen sich aufbürden, beim Künstler allein werde alles Ungehörige durch die Sehnsucht nach einem unbekannten Etwas hervorgetrieben.



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verschiedene: Die Gartenlaube (1862). Ernst Keil’s Nachfolger, Leipzig 1862, Seite 695. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1862)_695.jpg&oldid=- (Version vom 12.12.2020)