Seite:Die Gartenlaube (1861) 704.jpg

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
verschiedene: Die Gartenlaube (1861)

Und „bis morgen!“ sagte er dem ganzen wohlweisen Magistrat der freien Reichsstadt Großlingen, als er nun schied, gefolgt von dem so rasch gewonnenen Schwiegersohn.

„Bis morgen!“ echo’ten die fürsichtigen Herren, die in eigenthümlicher Weise jetzt mit der Wendung, welche die Dinge genommen, vollständig versöhnt waren und sich nur eine Rache an ihrem listigen Gebietsnachbar vornahmen: die nämlich, am andern Tage mit ihren größten Perrücken in sein Schloß einzuziehen und mit den größten Haarbeuteln, welche nur erdenkbar waren, wieder heimzukehren.

Und wenn je ein löblicher Vorsatz mit Energie und erschöpfender Gründlichkeit durchgeführt wurde, so war es dieser, obwohl wir gestehen müssen, daß es nicht allein unsere Gestrengen und Wohlweisen waren, die sich an diesem Tage so mit Ruhm und Ehre bedeckten und der Allväter Tapferkeit in heißen, Wettstreit erreichten. Es unterlag eben Alles, was das Schloß Hohenklingen belebte, an diesem Tage unter dem berauschenden Banner einer trunkenen Fröhlichkeit – denn

Quand Auguste buvait, la Pologne était ivre …

und was August für Polen, war Cosimus für Hohenklingen; und Cosimus … aber was sollen wir uns weiter darüber ergehen, was Cosimus an diesem großen Tage war – hatte er doch ein Recht, fröhlich und guter Dinge zu sein – fröhlich über die gelungene Kriegslist und die versöhnten Feinde, die er wenigstens ein Dutzend Mal heute mit unbeschreiblich warmen Freundschaftsbetheuerungen freundnachbarlichst umarmte; fröhlich über den gewonnenen Schwiegersohn, welcher ihm mit jedem Römer, den er leerte, besser gefiel und endlich gegen den Abend hin – als der schönste, edelste, fürtrefflichste junge Mann im ganzen heiligen römischen Reiche vorkam; fröhlich endlich über den jungen Italiener, den Freund seines künftigen Schwiegersohnes, der ihm am Tische gegenüber saß und von dem er vor allen Gästen mit vielem pfiffigen Augenblinzeln versicherte, daß er ihn als ganz zur Familie gehörig betrachte, daß er ihn ewig bei sich behalten und wie ein Kind des Hauses behandelt wissen wolle, ja, daß er ihn adoptiren wolle, Alles um den Freund seines lieben Eidams Albrecht zu ehren. Und dabei warf er schalkhafte Blicke bald zu Albrecht von Werdenfels und bald zu dem Prälaten hinüber; und dann legte er den Finger aus den Mund – doch es ist besser, lieber Leser, auch wir legen den Finger auf den Mund und fahren nicht fort, Dinge und Situationen zu schildern, welche sich Jeglicher selbst auf’s Beste auszumalen im Stande ist.




Blätter und Blüthen.


Die Krokodilsprobe. Die Gottesurtheile, deren Ausspruche sich in den vorurtheilsvollen Tagen des Mittelalters in Deutschland solche Personen zu unterziehen hatten, welche des ihnen schuldgegebenen Verbrechens nicht geständig waren, als die Wasser-, die Feuerprobe etc., sind Jedermann bekannt.

Wenige unserer Leser aber wissen vielleicht, daß noch bis zur heutigen Stunde in Indien ein ähnlicher Brauch herrscht, über eine Schuld, die von dem Angeklagten geleugnet wird, wenn, die Beweise der Zeugen fehlen, das Schicksal zum Mitankläger oder Freisprecher des Angeschuldigten herauszufordern. Die Proben, welche dergleichen Personen zu bestehen haben, sind indeß schrecklicherer Art, als sie in Deutschland es waren, unter allen aber ist wohl ohne Zweifel die furchtbarste die, wobei man den gefräßigen Krokodilen es überläßt, das von den menschlichen Richtern abgelehnte Amt der Entscheidung zu üben.

Der französische Naturforscher Lequevel de Lacombe sah auf seinen Reisen einem solchen unerhörten Schauspiele zu und beschreibt es in folgender Weise: Man erwartete mit Ungeduld den Vollmond, und sobald dieser eingetreten war, berief der Richter die betreffenden Theile und ließ den Häuptling benachrichtigen, der mit seiner Familie sich einfinden sollte. Einige Stunden später, etwas vor 10 Uhr, versammelte sich Alles in einer sumpfigen Ebene, in deren Nähe ein sehr breiter Fluß strömte, in welchem sich viele Krokodile aufhielten. Die Beute, welche man ihnen diese Nacht bestimmte, war ein junges, bildhübsches Mädchen von kaum 16 Jahren, mit einem sanften Gesicht und bescheidenem Anstand in Mienen und Gebehrden. Sie hieß Rakar und war die Tochter eines vor wenigen Jahren verstorbenen mächtigen Häuptlings, der außer ihr keine anderen Kinder hinterlassen hatte. Ein eifersüchtiger, lüsterner Verwandter, der mehrfach mit seinen Liebesanträgen von dem sittsamen Mädchen abgewiesen worden war. hatte sie öffentlich angeklagt, daß sie ein schamloses Liebesverhältniß mit einem Sclaven unterhalte, ein abscheuliches Verbrechen bei der Kaste der Zanak-Andia, in welcher das junge Mädchen geboren war. Darauf stand Todesstrafe – aber da das Mädchen beharrlich ihre Tugend verfocht, sollten die Krokodile über ihre Schuld oder Unschuld entscheiden.

Zunächst befahl ihr der neue Häuptling der Rakar, sich mitten in den Kreis der Versammelten niederzulassen, wo sie geduldig saß und die lange Rede des Richters anhörte. Dieser sprach zuerst von den alten heiligen Gebräuchen des Landes, deren Verletzung in der letzten Zeit sehr häufig vorgekommen sei, danach kam er zur Hauptsache und begann die Verhandlung mit einer Erzählung der Thatsachen. Als er die Belastungsdocumente angeführt und die Gründe genannt hatte, auf denen die Anklage beruhe, beschwor er Rakar noch einmal, ihr Verbrechen einzugestehen; sie aber antwortete mit dem festen Tone, welchen die Unschuld verleiht, die Krokodile würden über das ihr fälschlich vorgeworfene Verbrechen richten. und alle hier Versammelten würden gar bald die Wahrheit erfahren. Der Richter überlieferte sie nun dem Ombiasch (Zauberer), der sie an den Flußrand führte. Das traurige Loos des jungen Mädchens, von dessen Unschuld ich im Herzen mich überzeugt hielt, halte mich tief gerührt. Gern hätte ich alle Waaren, die ich bei mir führte, darum gegeben, wenn ich sie hätte retten können, denn die Probe, der sie sich zu unterwerfen hatte, schien mir allzu gefährlich. Ich wandte mich mit einer Bitte an den Häuptling, der aber lächelte nur mitleidig und gab meiner Bitte keine Antwort.

Als Rakar die Beschwörung des Ombiasch vernommen hatte, der den Krokodilen befahl, sie zu ergreifen und zu verschlingen, wenn sie schuldig sei, wandte sie sich an ihre Gespielinnen, die sie bis dicht an das Wasser begleitet hatten, dankte ihnen für den Beweis ihrer Anhänglichkeit und bat sie noch um ein Band, um ihre Haare zu binden, dessen Flechten sie im Schwimmen gehindert haben würden. Dann drückte sie ihre Freundinnen noch einmal heiter lächelnd an die Brust, blickte sie auf’s Zärtlichste an, warf rasch ihre Kleider ab und stürzte sich nackt in’s Wasser, welcher sie mit den schnellen und kräftigen Bewegungen ihres schlanken Körpers zertheilte. Ich zitterte, als ich sie fast augenblicklich von Krokodilen umgeben sah, deren Köpfe über das Wasser hervorragten und die sie zu verfolgen schienen. Aller Augen waren auf die kühne Schwimmerin geheftet, denn ihre Jugend und ihre herrliche Gestalt, deren wundervolle Formen wir soeben gesehen, nahm alle Anwesenden für sie ein, und ihrem Muthe ward volle Bewunderung gezollt. Alle, die hier im Kreise saßen, schienen für ihre Rettung zu beten, vielleicht war es nur Einer, der ihren Untergang wünschte, jener teuflische Verwandte, der sie des Verbrechens so schnöde bezichtigt hatte.

Eben trat der Mond, der erst die Augen vor dem traurigen Schauspiel zu verhüllen schien, leuchtend hinter einer dunklen Wolle hervor, er warf seine hellen Strahlen auf den Spiegel des Wassers und beleuchtete jetzt für uns Alle die furchtbare Scene. Es war mir dadurch verstattet, allen Bewegungen des Mädchens zu folgen, deren blendender Rücken fast immer über dem Niveau des Flusses sich hielt, außer wenn sie, was öfter geschah, jählings in die Tiefe schoß. Sie schwamm mit einer erstaunlichen Sicherheit und Geschwindigkeit und kam bald an der gefährlichsten Stelle der Wassers an, einer Insel nämlich, welche den Krokodilen zum Aufenthalte diente, die in ganzen Schaaren dort in träger Ruhe Tag und Nacht im Sumpfschilfe lagerten, wie ich es selbst bei einer Fahrt durch den Fluß vor wenigen Tagen zu sehen Gelegenheit hatte. Hierhin ging die Richtung ihrer Schwimmfahrt, die Erreichung der Insel war das erste Ziel, welches ihr gesteckt war; kam sie dann glücklich zurück, so hatte sie die Gottesprobe bestanden. Rakar erbebte nicht; dreimal tauchte sie vor der furchtbaren Insel unter. So oft sie verschwand, glaubte ich sie verloren, endlich gewann sie die Insel und tauchte am Ufer aus den Fluthen. Hier schien sie nur eine flüchtige Minute lang Athem zu schöpfen und Kraft zu sammeln für das Bestehen der zweiten noch unheilvolleren Probe, da jetzt die meisten Ungeheuer aus dem Schlaf aufgeschreckt waren und ihre Beute zu erwarten schienen. Auch schien es, nachdem sie sich wieder den Fluthen anvertraut hatte, als ob sie viel häufiger gegen die Krokodile anzukämpfen hätte, als vorher. Sie tauchte viel öfter unter und blieb zuweilen so lange unter dem Spiegel des Wassers, daß ich wohl zehnmal glaubte, sie sei nun unrettbar verloren. Immer aber tauchte sie schließlich wieder empor, und jedesmal begrüßte sie dafür ein Aufschrei der Freude, der fast über alle Lippen ging, obschon ein großer Theil der Anwesenden greise und, wie es schien, strenge, harte Männer waren.

Genug, sie hatte das Glück, den zermalmenden Zähnen der entsetzlichen Krokodile zu entgehen; schon kam sie dem Ufer näher und näher; noch ein, zwei Stöße ihrer elastischen Hand, und sie betrat wie eine Siegerin dar Ufer, von welchem sie vor etwa zwanzig Minuten ausgeschwommen; ihre Freundinnen harrten nicht, bis sie ihr Kleid ergriffen, sie drückten sich an ihre nasse Brust, sie trockneten ihr die Tropfen der Fluth ab mir ihren eigenen warmen Körpern. Plötzlich riß sie sich aus den Armen der sie beglückwünschenden Freundinnen los; es ergriff sie das Gefühl der Scham; sie kleidete sich hastig an; bald erschien sie vor dem Richter und dem Ombiasch; beide sprachen sie aller Schuld frei und ledig.

Der falsche Ankläger Rakar’s wurde aber verurtheilt, ihr eine so bedeutende Ehrenentschädigung zu zahlen, daß dazu seine sämmtlichen Heerden nicht zureichten. Das Mädchen aber folgte der Eingebung ihres edlen Herzens, sie schenkte ihm die Summe und überließ ihn Gewissensbissen, die er jetzt doppelt empfinden mußte.




     Bei Ernst Keil in Leipzig ist erschienen:

Ein Deutscher.

Roman aus der amerikanischen Gesellschaft. Von Otto Ruppius.

Geh. 27 Ngr.

Dieser in der Gartenlaube mit so vielem Beifall aufgenommene Roman erscheint hier in einer billigen Separat Ausgabe.



Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.
Empfohlene Zitierweise:
verschiedene: Die Gartenlaube (1861). Ernst Keil’s Nachfolger, Leipzig 1861, Seite 704. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1861)_704.jpg&oldid=- (Version vom 9.11.2022)