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der Tradition niemals verlassen hatten, die dieser innewohnende Stärke mit klarem Bewußtsein benutzten. Die Gedanken dieser Ausstellung waren in ihrem Wesen so gesund und damit lebensfähig und modern, daß sie der Werkbund, dessen Entstehung also recht eigentlich auf die Münchener Künstlergruppen zurückging, unverändert als Programm übernehmen konnte.

Der Künstler war in den Dienst der Industrie getreten. Das bedeutete die Anerkennung der Tatsache, daß der größere Teil des Bedarfs nicht mehr durch die Produktion des einstigen Handwerks gedeckt wurde, d. h. daß die führende Rolle und damit die Hauptunterstützung der fabrikmäßigen Herstellung zukam. Dem Handwerk verblieben immerhin noch eine Reihe von Aufgaben, die die Industrie unmöglich übernehmen konnte. So ließen sich die Wirkungsgebiete dieser beiden klar gegeneinander abgrenzen. Im wesentlichen gehörte das Einzelstück dem Handwerk, die Massenware der Industrie. Doch war es natürlich nicht zu vermeiden, daß in Einzelfällen ein Übergreifen von dem einen auf das andere stattfand.

Allerdings boten sich dem Zusammenarbeiten und damit einer Beeinflussung der Industrie stellenweise große Schwierigkeiten. Die Lage des Marktes, besonders aber die Rücksicht auf die exotischen Absatzgebiete mußten für einzelne Zweige eine Annäherungsmöglichkeit grundsätzlich ausschließen.

So traf das Streben nach Vereinfachung der Form oft auf einen energischen Widerstand, da der Geschmack der Konsumenten den Reichtum an nichtssagenden Formen in vielen Fällen verlangte. Dagegen fanden bei der Industrie, die ihre Absatzgebiete im Inlande hatte, die neuen Bestrebungen wegen ihrer vernünftigen Gedanken eine erfreuliche Unterstützung. Ja, die Industrie begriff, daß für sie mit einer Verfeinerung der Fabrikate nach der künstlerischen Seite hin ein wesentlicher Vorteil verbunden war, und daß sie sich eine bessere und vornehmere Form der Reklame nicht wohl wünschen konnte.

Weltausstellung Brüssel 1910.

Sollte nun aber die Stellung des deutschen Künstlers im wirtschaftlichen Leben erhalten und weiter ausgebaut werden, so mußte er notgedrungen trachten, auch an die Exportgebiete heranzukommen. Denn diese nahmen einen großen Prozentsatz der genannten Fabrikation ein. Dazu war es aber nötig, auch im Auslande Verständnis zu erwecken. Der Werkbund betrachtete es als seine vornehmste Aufgabe, dieses Ziel zu erreichen und ergriff die nächste sich bietende Gelegenheit, den Wert seiner Bestrebungen vor dem Auslande darzutun.

Für die Weltausstellung in Brüssel im Jahre 1910 wurde dank dem Verständnis der deutschen Ausstellungsleitung der Werkbund zur Mitarbeit herangezogen. Daß der Entwurf der ganzen Anlage- und der Ausstellungsgebäude an Künstler übertragen wurde, war auch schon früher üblich gewesen; jetzt fiel diesen zugleich eine Mitarbeit an der Schaustellung selbst zu, indem die Ausstattung der einzelnen Räume, der Schränke und Vitrinen mit der gesamten Detaillierung bis zur Schrift auf dem Firmenschild, in ihre Hände gelegt wurde. So konnte ein gemeinsamer Grundgedanke die Ausstellung

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1607. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/478&oldid=3270949 (Version vom 31.7.2018)