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bestimmend sind. Die Bewegung hörte auf, ein bloßer Sport zu sein und begann im wirtschaftlichen Leben eine wertvolle Rolle zu spielen. Hier war ja die Verbesserung der Qualität dasjenige Moment, das in dem Ringen um die Beherrschung des Marktes allein eine Aussicht auf Erfolg gewährleistete. Der Bewegung eröffnete sich also ein neues und bedeutendes Arbeitsfeld, und es wurde möglich, sie auf eine reale Basis zu stellen, so daß sie für alle Beteiligten fruchtbringend werden mußte.

Vom Luxus-Gegenstand zur Fabrikware.

Schon die verschiedenen Werkstätten, die mit Künstlern zusammen arbeiteten, hatten sich bestrebt, qualitativ Hervorragendes zu leisten, wobei ihnen das gute Niveau zustatten kam, auf dem sich einzelne Zweige des Handwerks trotz der geschmacklichen Unkultur erhalten hatten. Mit dem neuen Programm wurde das Kunstgewerbe jedoch Mitarbeiter der Industrie und beschränkte sich nicht mehr auf die Gegenstände, die mehr oder weniger dem Luxus dienten und auf deren Herstellung man von jeher besondere Sorgfalt verwendet hatte. Es ging dazu über, auch solchen Gegenständen eine schöne Form zu geben, die ausschließlich praktischen Zwecken dienen sollten und teilweise auf rein maschinellem Wege hergestellt wurden.

Die Industrie selbst ergriff die Initiative, indem sie bei der Herstellung ihrer Erzeugnisse hervorragende Künstler zu Rate zog. Das Verhältnis zwischen Künstler und Ausführendem bekam aber dadurch gegen früher ein ganz verändertes Aussehen. Der Künstler war jetzt nicht mehr der Souverän, der die Technik unter seinen Willen beugte und seiner Laune freies Spiel lassen konnte. Er mußte, wollte er anders seine Stellung im wirtschaftlichen Leben behaupten, sich von der Technik anstellen und die Bedingungen diktieren lassen, nach denen er seine Ideen zu formulieren hatte. Es war eine bedeutsame Tat, daß die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft einen Mann wie Peter Behrens nach Berlin berief und ihn mit der künstlerischen Ausgestaltung ihrer Erzeugnisse beauftragte. Die Leistungen, die hierdurch entstanden, bilden vielleicht die treffendste Illustration zu der Umwandlung, der sich das Kunstgewerbe unterzogen hatte. Sie bieten gleichzeitig ein Beispiel, wie es nicht klarer gegeben werden kann für die Veränderung, die der heutige Begriff Kunstgewerbe gegenüber dem Kunstgewerbe des 19. Jahrhunderts erfahren hat.

Deutscher Werkbund. Münchner Ausstellung 1908.

Im Jahre 1908 erfolgte in München die Gründung des Deutschen Werkbundes. Es war das eine Organisation, die den Zweck hatte, den Gedanken der Qualität in Herstellung und Geschmack zu propagieren und die Fühlung zwischen Künstlern und Industriellen zu vermitteln.

Im gleichen Jahre hatte in München eine Ausstellung stattgefunden, die ganz und gar von diesen Gedanken geleitet war und in technischer wie in geschmacklicher Hinsicht das Beste bot, was man bis dahin überhaupt gesehen hatte. Die Ausstellung war eine ausschließliche Tat Münchener Künstler, die damit nicht nur eine deutliche Absage an die bisherige falsche formalistische Richtung erteilten, sondern auch, da gerade sie den Boden

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1606. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/477&oldid=3270948 (Version vom 31.7.2018)