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man mehr und mehr Verständnis für diejenigen Wirkungen zu bekommen, die sich aus der sachgemäßen Behandlung des Materials ergaben. Man lernte einsehen, daß es hier weniger wie anderswo auf einen komplizierten Entwurf ankam, daß vielmehr die Stärke des Brandes mit der Zusammensetzung der Glasur bei einem guten Material die Wirkung und den Wert bedingten. Es wurden keramische Werkstätten an den verschiedensten Stellen in Deutschland gegründet, die unter der Leitung künstlerisch empfindender Fachleute eine hohe Leistungsfähigkeit erreichten. Ein ähnliches Interesse wendete man dem Metall und überhaupt allem zu, was infolge seiner geringeren Dimension ein gründliches Durcharbeiten zuließ. Mußte doch zunächst eine umfangreiche Detailarbeit geleistet werden, wenn eine allgemeine Besserung, wie man sie sich erträumte, jemals möglich werden sollte.

Darmstädter Künstlersiedlung.

In kurzen Zeiträumen folgten sich die verschiedensten Ausstellungen, und die Zeitschriften brachten die mannigfaltigsten Veröffentlichungen mit dem Namen der Künstler, die sich der neuen Bewegung bemächtigt hatten. Zu einer gewaltigen Steigerung kam es aber, als der Großherzog Ernst Ludwig von Hessen eine Reihe von Künstlern nach Darmstadt berief, die in enger Zusammenarbeit, aber ganz nach freiem Ermessen an einer Reihe von Aufgaben die neuen Ideen im großen verwirklichen sollten. Der Gedanke einer Künstlersiedlung, in der nicht nur der Gesamtplan nach einer einheitlichen Idee entworfen war, sondern jedes Haus bis ins letzte Detail von Künstlerhand durchgebildet, dem darin Wohnenden eine würdige Umgebung zu weiterem fruchtbaren Schaffen sein sollte, war ebenso neuartig wie wahrhaft fürstlich. Er verkörperte das, was man sich als Höchstes von der Kunst und für die Kunst immer erträumt hatte und mußte zu äußersten Anstrengungen anspornen. Hier konnte alles, was an Kleinarbeit bisher geleistet war, zusammengefaßt und dem einheitlichen Zweck untergeordnet werden. Hier nahmen zum erstenmal die Gedanken einer Kultur des Wohnens, der Schaffung einer dem modernen Menschen angepaßten und seiner würdigen Umgebung greifbare Gestalt an. Hier begann auch etwas wie ein Stil sich herauszubilden, indem sich gewisse Ausdrucksmanieren als ein allen Künstlern gemeinsames Charakteristikum erkennen ließen.

Erweiterung des Wirkungskreises.

Unter Führung der Architektur hatten sich alle Künstler und Handwerker zu gemeinsamer Arbeit vereinigt, und doch war recht eigentlich das Detail der Angelpunkt der ganzen Schöpfung. Freilich lag auch hier noch immer das Schwergewicht auf der äußeren Form, doch konnte das eine unbestritten festgestellt werden, daß die Bewegung nicht mehr die vereinzelten Versuche einer kleinen Zahl von Vorkämpfern darstellte, sondern daß sie anfing, in weitere Schichten vorzudringen und sich Gebiete anzugliedern, die bisher ihrem engeren Wirkungskreise ferngelegen hatten. Es war ja auch ein ganz folgerichtiger Gedankengang, daß man bei einer Neugestaltung der menschlichen Umgebung auf alle diejenigen Dinge Einfluß zu gewinnen suchte, mit denen man überhaupt in Berührung kam.

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1602. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/473&oldid=3270944 (Version vom 31.7.2018)