Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/472

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

und ließ Erkereinbauten, Ofenbänke und Balustraden, die in der vorhergegangenen altdeutschen Epoche alle Herzen entzückt hatten, getreulich wieder aufmarschieren. Nur hatte man sie ihrer historischen Zierate entkleidet und dafür mit Schnörkeln und stilisierten Blumen ausstaffiert. Einem architektonisch geschulten Auge mußten die Maßstabslosigkeit, die Unruhe und Willkür, die diese Gebilde zur Schau trugen, unerträglich erscheinen, doch war nicht zu verkennen, daß sie bis ins letzte Detail mit hingebender Liebe durchgebildet waren, und man konnte dem Temperament und dem Idealismus der schaffenden Künstler seine Bewunderung nicht versagen. Eines mußte freilich sofort ins Auge fallen, daß nämlich das Neuartige nicht durch eine innere – etwa eine technische – Notwendigkeit begründet, sondern lediglich eine subjektive Willensäußerung war. Auch beschränkte sich die neue Dekorationsweise fast ausschließlich auf die Fläche als solche und war auch dort, wo sie hätte körperlich sein müssen, sichtbar nur eine Übertragung aus dieser. Es konnte das nicht Wunder nehmen, da ja die Entwerfenden vorwiegend der Zunft der Maler angehörten, was schließlich auch in der Bevorzugung von Technikern, die sich für eine Flächendekoration besonders eigneten, seinen Ausdruck fand. So verwandte man für die Ausschmückung von Möbeln und Paneelen viel Intarsien, und man führte selbst große dekorative Kompositionen in dieser Technik aus. An die Stelle der Wandbilder traten Teppiche mit landschaftlichen und figürlichen Darstellungen, und die Butzenscheiben der vorangegangenen altdeutschen Epoche wurden durch Kompositionen von farbigen Gläsern ersetzt. Ganz besonders aber blühte die Flächendekoration auf den Gebieten, wo sie eigentlich zu Hause war, im Stoffmuster, in der Weberei und Stickerei wie in der Graphik und Buchkunst. Hier kam neben den Formen auch die Farbe zu ihrem Recht, vor allem aber lag hier die Technik dem Maler näher als bei anderen Zweigen des Handwerks. Hier war auch keine solche Kluft zwischen Entwerfendem und Ausführendem. Es bestand zwischen diesen beiden vielmehr ein enger Zusammenhang, da sich die Zeichnung fast direkt mit der Ausführung deckte und ein Beurteilen der endgültigen Wirkung dem Entwerfenden möglich war. Diese Gebiete sind denn auch am ersten zu einer gewissen Reife und Vervollkommnung gelangt. Auf allen anderen führte die Flächendekoration eine Besserung zunächst nicht herbei, sie blieb an der Oberfläche haften und suchte diese nach ihren Ideen umzugestalten.

Da die Art des Dekors streng ornamentale Formen geflissentlich vermied und sich naturalistischer, zum mindesten aber ziemlich freier Kompositionen bediente, so konnten ihr die früher gebräuchlichen einfachen Materialien nicht mehr genügen, und sie suchte deren Auswahl nach allen Richtungen zu vergrößern. Der differenzierte Geschmack des Malers hielt Umschau nach neuen Ausdruckmitteln. Indem er den Kreis der alten zu erweitern suchte, brachte er zugleich neue Ideen für die Oberflächenbehandlung und führte damit Schönheitswerte ein, an die man bis dahin nicht gedacht hatte. Der Sinn für die Schönheit und Behandlung des Materials an sich war schließlich die Quelle für eine Vertiefung auch nach der technischen Seite hin. Er kam zunächst denjenigen Gebieten zugute, für die er einen ausschlaggebenden Wert darstellte. So der Keramik, die sich bisher fast ausschließlich mit der Nachahmung von Prunkstücken älterer Stilperioden befaßt hatte. Durch das Studium japanischer und chinesischer Vorbilder begann

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1601. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/472&oldid=- (Version vom 31.7.2018)