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in den Vordergrund stellte. Es begann für Europa und Amerika die Zeit des sog. Japonismus, wo Museen und Private ihre Sammlungen mit den Schätzen des Ostens, zunächst allerdings meist mit japanischen füllten und den nach Neuem hungernden Künstlern und Fabrikanten von hier aus den Segen bis dahin noch nicht verwendeter Motive mitteilten. Der größte und nachhaltigste Einfluß wurde hierbei auf die Reklame- und Illustrationskunst ausgeübt, die sich die japanischen Farbenholzschnitte zum Vorbilde nahm. Auch die Keramik wurde befruchtet, überall da aber, wo es sich um die Verzierung von Flächen handelte, mußten dem in seiner Phantasie erschöpften Musterzeichner die naturalistischen Formen des japanischen Dekors wie ein Geschenk des Himmels in den Schoß fallen, von dem er voll Dankbarkeit den ausgiebigsten Gebrauch machte.

War man jedoch hiermit von der Verwendung der historischen Stilformen einmal abgewichen, so war es naheliegend, deren Existenzberechtigung überhaupt kritisch zu untersuchen. Schon die englische Entwicklung hatte darauf hingewiesen, daß die Formengebung und Zweckerfüllung voneinander unabhängig seien, daß also das Bedürfnis des täglichen Lebens, nicht aber eine Mode das Aussehen der zu seiner Befriedigung erforderlichen Erzeugnisse bestimmen müsse. Wenn man also sah, wie der hochentwickelte Mensch des 19. Jahrhunderts sich in einer Umgebung bewegte, die in technischer Beziehung sich täglich vervollkommnete, im Äußeren aber das verstaubte Antlitz längst vergangener Zeiten zeigte, so mußte dies wie eine Maskerade anmuten, besonders wenn die billige Ausführung gar zu sehr zutage lag. Was Wunder also, wenn man auf den Gedanken kam, die historischen Formen als überflüssigen Ballast überhaupt über Bord zu werfen und an die Erfindung einer ganz neuen Formensprache zu gehen. Dichter und Denker predigten allenthalben die Freiheit des Individuums und die Loslösung von der Tradition, so war es nur die logische Schlußfolgerung eines an sich richtigen Gedankenganges, wenn man für die Umgebung des modernen Menschen einen entsprechenden persönlichen Ausdruck suchen zu müssen glaubte. Es mußte das um so überzeugender sein, als man in der Verwendung der alten Formen die alleinige Ursache für die Geringwertigkeit der modernen Erzeugnisse zu erblicken meinte.

Van de Velde.

Für Deutschland wurde das Signal zu einer Bewegung in diesem Sinne von Belgien aus gegeben. Dort hatte der geistreiche van de Velde diese Gedanken mit einer bewunderungswürdigen Schärfe zu Ende gedacht und wirkte mit Wort und Schrift für ihre Verbreitung. Er ließ es jedoch nicht bei bloßen theoretischen Erörterungen sein Bewenden haben, sondern entwarf im Verein mit Gesinnungsgenossen eine Reihe von Innenräumen, Möbeln und Gebrauchsgegenständen, bei denen er mit Absicht eine Anlehnung an alles Herkömmliche vermied. Er gab jedem Körper eine vom Üblichen abweichende Gestalt, bildete jede Fläche besonders aus, und um nicht einmal die natürlichen geraden Begrenzungen bestehen zu lassen, ließ er alle Linien in geistreich ausgeklügelten Kurven schwingen. Er glaubte wie Robespierre, daß man, um eine neue Ordnung der Dinge herbeizuführen, die Träger der alten erst vollkommen vernichten müsse.

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1599. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/470&oldid=- (Version vom 31.7.2018)