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Bildhauerei.

Vor etwa 25 Jahren stand die Bildhauerei unter dem maßgebenden Einfluß des gegenständlichen Inhaltes und des malerisch-naturalistischen Barocks mit seinem Überreichtum an Einzelzügen. Hand in Hand ging damit die Freude an freien Phantasieschöpfungen, die in stark bewegten Gegensätzen aufgebaut und in strenge durchgeführtem Oberflächenrealismus ausgearbeitet wurden. Diese Lebenswirklichkeit wurde durch eine lockere impressionistische Behandlung der Formen noch gesteigert. Am besten sind diese Eigenschaften der damaligen Revolutionäre gegen die herrschende Kompromißantike an den Porträten zu erkennen, die in sehr wirkungsvoller und starker, dem Augenblick abgelauschter Bewegung gehalten sind. Mit ihrer malerisch-naturalistisch wiedergegebenen äußeren Erscheinung, bei der mit kleinen geistreichen Mätzchen nicht gekargt wurde, sind diese Meißelarbeiten nicht selten von gefangennehmender Wirkung. Das Leben selbst scheint sich überall unter der Oberfläche zu regen, so daß der Beschauer die bedenklich malerischen Eigenheiten dieser Plastiken zunächst übersieht. Diese Besonderheiten treten ferner sehr bemerkbar in den technisch ganz vortrefflich behandelten Nacktfiguren hervor, deren Lebenswirklichkeit oft eine geradezu frappierende ist. Diese Anteilnahme schwindet jedoch bei längerer Betrachtung gerade wegen der „wirklichkeitsechten“ äußeren Formbehandlung und der eleganten, momentanen, reizvollen Bewegungen. Diese Aktfiguren sind also von einer vorgefaßten Absicht und von der körperlichen Modellerscheinung abhängig, aber nicht in erster Linie von einer plastischen Formvorstellung. Diese bedenkliche Vermischung von Motiven mehr oder weniger gedanklichen Ursprunges, von Plastik und Malerei erkennt man am schärfsten an den Reliefs, deren Vordergrund dreidimensional, also plastisch, deren Hintergrund aber wie eine Zeichentafel behandelt ist. Die Großplastik in Nacktfiguren trat damals in sicherer gefühlsmäßiger Erkenntnis der Sachlage zurück, und die Nacktkunst bewegt sich vornehmlich und mit Anmut im Gebiete der Kleinplastik, ohne schon damals in gutem Materials eine größere Ausdehnung zu gewinnen. Die Monumentalkunst kam überall leicht in die Gefahr, einem effektvollen Pathos und einer manchmal peinlich wirkenden äußerlichen Erscheinung zu verfallen. In einem Atemzuge mit diesem Eingeständnis müssen wir feststellen, daß damals eine ganze Reihe von vortrefflich gearbeiteten Denkmälern aller Art errichtet sind. Die „Barockkünstler“, also jene seinerzeit neue Richtung, wie die ältere, die realistisch-klassizistische Auffassung haben beide teil an diesen Werken. Mit besonderer Hingabe wurden natürlich die Standbilder der deutschen Fürsten und der Helden des großen Krieges geschaffen, obwohl die Arbeit ebenso selbstverständlich nach mancher Seite hin durch einengende Gesichtspunkte, die sich aus dem noch zu geringen historischen Abstande ergeben mußten, erschwert wurde. Einen reichen Stoff boten inhaltlich die Denkmale für die im Feldzuge gefallenen Krieger. Die Künstler haben im reichen Maße ihre Erfindungsgabe glänzen lassen, aber auch hier versagte oft das Verständnis für echte Monumentalität, das gerade in diesem Falle von rein künstlerischem Standpunkte aus dringend zu wünschen gewesen wäre. Das tiefe Empfinden, das in den oft außerordentlich feinfühlig gewählten Motiven sich Bahn bricht, entschädigt, wenn der Beschauer mit demselben warmherzigen, deutschen Verständnis für das Gegenständliche im Kunstwerk sich diesen Vorwürfen nähert, mit dem sie der Bildner sich erwählt hatte.

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1590. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/461&oldid=- (Version vom 16.1.2022)